E-Mail von der Wall Street
Schweizer Geheimnisse

Oft sind es die kleinen Meldungen, die den größten Ärger machen. Diese Erfahrung könnte Ihnen, lieber Marcel Rohner, bald in den USA blühen. Vergangene Woche sorgte zunächst die Nachricht für Aufregung, einer Ihrer leitenden Angestellten, der UBS-Banker Martin Liechti, sei von amerikanischen Steuerfahndern festgesetzt und vernommen worden. Eine E-Mail an marcel.rohner@ubs.com.

Der Grund für die Festnahme: die US-Beamten vermuten, dass ein UBS-Team reichen Amerikanern geholfen hat, ihr Vermögen vor dem Fiskus zu verstecken.

Diese Woche folgt die zweite Episode dieser Geschichte. In Florida wird der ehemalige UBS-Banker Bradley Birkenfeld beschuldigt, einem US-Baulöwen bei der Steuerhinterziehung mit Rat und Tat geholfen zu haben. Dass er dabei angeblich von einem Finanzberater aus Liechtenstein unterstützt wurde, macht die Sache noch schlimmer. Seit dem Steuerskandal ist das Fürstentum zum Inbegriff für eine Insel von Steuerflüchtlingen geworden. Zudem stellt sich heraus, dass Birkenfeld für Liechti gearbeitet hat. Angeblich fordern die US-Behörden jetzt von der UBS die Namen jener amerikanischen Kunden, die ihr Vermögen in der Schweiz oder in Liechtenstein versteckt haben.

Das verträgt sich nicht gut mit dem berühmten Schweizer Bankgeheimnis. Allerdings hat sich die UBS bereits 2001 gegenüber den US-Behörden verpflichtet, Informationen über steuerpflichtige Einkommen ihrer Kunden in den USA an den dortigen Fiskus weiterzuleiten. Kurz danach, so mutmaßen jetzt die US-Ermittler, sollen UBS-Banker wie Birkenfeld damit begonnen haben, das neue Abkommen zugunsten betuchter Kunden auszuhebeln. Der Finanzparkplatz Liechtenstein soll dabei eine wichtige Rolle gespielt haben.

Für Ihre Bank, lieber Herr Rohner, ist das nicht nur eine peinliche, sondern auch eine gefährliche Angelegenheit. Steuerhinterziehung ist in der Fair-Play-Gesellschaft Amerikas kein Kavaliersdelikt. Größer ist jedoch der Imageschaden. Nach dem Subprime-Debakel und den Sammelklagen von düpierten Investoren ist der Steuerskandal jetzt die dritte Blamage für die stolze Schweizer Bank. Die Konkurrenz an der Wall Street reibt sich bereits die Hände. Wird sie doch auf diese Weise den letzten ernstzunehmenden Verfolger aus dem Ausland los.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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