E-Mail von der Wall Street
Von Leistung und Löhnen

Wie viel Geld darf ein Mensch im Jahr verdienen? Diese Frage beschäftigt insbesondere in Deutschland die Gemüter, wo heftig um Mindestlöhne und Managergehälter gestritten wird. Auch an der Wall Street sind die Jahressaläre der Banker immer wieder ein Streitthema. Dabei geht es jedoch weniger um staatlich verordnete Obergrenzen, sondern vielmehr um die Frage, ob die Vergütungen auch leistungsgerecht sind.
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Für Ihr Jahresgehalt von fast 69 Mill. Dollar müssen Sie, lieber Lloyd Blankfein, als Chef der Investmentbank Goldman Sachs eine wahre Höchstleistung vollbracht haben. So viel hat nämlich noch kein Top-Banker an der Finanzmeile vor Ihnen eingeheimst. In Deutschland kann da nur noch Porsche-Chef Wendelin Wiedeking mithalten.

Als oberster Goldmann haben Sie sich einen dicken Bonus verdient. Schließlich hat Ihre Bank im vierten Jahr in Folge ein Rekordergebnis hingelegt. Und das mitten in der Finanzkrise. So ist es nach den Maßstäben der Wall Street nur gerecht, dass Sie dafür reichlich entlohnt werden. Umgekehrt verzichtet der wenig erfolgreiche John Mack vom Erzrivalen Morgan Stanley auf eine Sonderzahlung und geht nur mit seinem Grundgehalt von einigen hunderttausend Dollar nach Hause. Zur Erinnerung: auch Ihr Basissalär beträgt nur 600 000 Dollar. Der Rest besteht aus erfolgsabhängigen Komponenten. Wenn man sich also auf die Gehaltslogik der Wall Street einlässt, stimmt die Rechnung.

Die Frage, ob sich ein solches Millionengehalt moralisch rechtfertigen lässt, interessiert hier kaum jemanden. Schließlich ist es die Sache der Anteilseigner von Goldman, wie gut sie den Konzernchef bezahlen wollen. Für alle, denen bei solchen Summen der berühmte Hut hochgeht, sei daran erinnert, dass die Spitzenmanager der erfolgreichsten Hedge-Fonds gut und gerne mit dem Zehnfachen nach Hause gehen. Auch darüber wacht in Amerika nicht eine politische Gehaltspolizei, sondern die Investoren, die ihr Vermögen den Finanzakrobaten anvertrauen.

Zumindest kann man Ihnen, Mr. Blankfein nicht vorwerfen, dass sie sich an Ihren Mitarbeitern schadlos halten. Goldman hat für die Gehälter der Angestellten in diesem Jahr mehr als 20 Mrd. Dollar beiseite gelegt, ein Plus von 23 Prozent. Im Durchschnitt 660 000 Dollar pro Nase.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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