E-Mail von der Wall Street
Wette nicht gegen die Fed

Es gibt Weisheiten, die so dauerhaft zutreffen, dass sie in Stein gemeißelt scheinen. Eine davon ist der Hinweis, niemals gegen die US-Notenbank zu setzen. Deren Chef, Ben Bernanke, wird nicht müde, die Finanzmärkte auf Gefahren hinzuweisen – doch wer nicht hören will, muss fühlen.

an: ben.bernanke@fed.org

Ein alter Spruch an der Wall Street lautet: „Don’t bet against the Fed“. Doch die Händler an den Finanzmärkten vergessen diese Weisheit regelmäßig und bezahlen das mit hohen Verlusten. Jüngstes Beispiel dafür ist die Kurskorrektur auf den Anleihemärkten. Obwohl Sie, Ben Bernanke, als Chef der US-Notenbank, seit Monaten darauf hinweisen, dass die Inflationsgefahr keineswegs gebannt ist, haben die Bondhändler unbeirrt auf eine baldige Zinssenkung gewettet.

Das führte lange Zeit zu einer inversen Zinskurve, bei der die kurzfristigen Kreditkosten höher waren als die Zinsen am langen Ende. Ihr Vorgänger Alan Greenspan konnte sich das nicht erklären und sprach von einem „Rätsel“. Nun ist der Spuk vorbei, und die Kurve hat wieder ihren historischen Normalverlauf angenommen. In nur vier Wochen hat sich die Verzinsung zehnjähriger US-Staatsanleihen um 50 Basispunkte erhöht. Das ist gewaltig und kann gravierende Auswirkungen für die Wirtschaft haben.

Die Folgen kann man schon daran erkennen, dass auch die Börsen nach dem Blutbad auf den Anleihemärkten in die Knie gegangen sind. Zwar sind die Bullen wieder auf die Füße gekommen, ihr Gang wird jedoch wacklig bleiben. Wenn Anleihen mehr Zinsen bringen, werden sie im Vergleich zu Aktien attraktiver. Höhere Kreditkosten verteuern außerdem die Finanzierung für die Unternehmen und drücken so auf Gewinne und Kurse. Das betrifft nicht nur die Investitionen, sondern auch die Aktienrückkäufe, mit denen Firmen ihre Aktienkurse gepflegt haben.

Höhere Zinsen führen über kurz oder lang auch dazu, dass dem boomenden Markt für Fusionen und Übernahmen (M&A) der Raketentreibstoff des billigen Geldes ausgeht. Wenn aber die M&A-Welle bricht, dürfte auch die Börsenrally abebben. Wurden doch die Aktien zuletzt weniger von guten Fundamentaldaten der Unternehmen als vielmehr von Übernahmespekulationen in die Höhe getrieben.

Als Fed-Chef können Sie schon deshalb mit der Korrektur zufrieden sein, weil die höheren Zinsen auf den Bondmärkten Ihnen einen Teil ihrer Arbeit abnehmen. Die Konjunktur wird gebremst, die Inflation im Zaum gehalten. Geht die Rechnung auf, könnten Sie Ende des Jahres die Leitzinsen doch noch senken. Aber wetten würde ich darauf nicht.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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