E-Mail von der Wall Street
Worte und Wahrheit

Das englische Modewort der Subprime-Krise ist im Moment "material", was sich in diesem Falle am besten mit "wesentlich" übersetzen lässt. Sie, lieber Martin Sullivan, haben als Chef des weltgrößten Versicherungskonzern AIG den Begriff diese Woche gleich zweimal benutzt.
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An: martin.sullivan@aig.com

Erst haben Sie "wesentliche Schwächen" bei der Bewertung komplexer Finanzprodukte mit dem Namen Credit Default Swaps (CDS) entdeckt. Was so kompliziert klingt ist im Grunde eine Kreditversicherung gegen Zahlungsausfälle. Einen Tag später hieß es dann zur Beruhigung der nervösen Anleger plötzlich, die Verluste aus den CDS würden nicht "wesentlich" sein. Wesentliche Schwächen, aber keine wesentlichen Verluste - so richtig überzeugend klingt das nicht.

Haben Sie doch kurzerhand auf Ihr CDS-Portfolio 4,88 Mrd. Dollar abgeschrieben. Das ist "wesentlich" mehr als Sie ursprünglich angegeben hatten. Noch im Dezember wurde das Risiko auf gut eine Mrd. Dollar beziffert. Analysten vermuten gar, dass Sie am Ende des Quartals rund zehn Mrd. Dollar abschreiben können. Ein wahrlich nicht unwesentlicher Betrag. Nun sagen Sie zu Recht, dass die Wertberichtigungen auf das Portfolio nicht mit den potenziellen Verlusten aus den Kreditversicherungen verwechselt werden dürfen. Daher seien die Belastungen für Ihren Konzern nicht "wesentlich". Was für einen Giganten wie AIG mit Einnahmen von über 100 Mrd. Dollar "Peanuts" sind - um ein anderes Modewort der Finanzwelt zu benutzen - , kann immer noch eine wesentliche Summe sein. Wohl auch deshalb haben die Kreditwächter von Moody's und Standard & Poor's (S&P) Ihren Konzern unter Beobachtung gestellt. S&P begründete dies ausdrücklich damit, dass die "wesentlichen Schwächen" bei AIG "bedeutend" sein könnten.

Die ganze Wortakrobatik zeigt, wie schwer sich die großen Finanzhäuser immer noch damit tun, endlich reinen Tisch zu machen. Hätten Ihnen nicht die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers im Nacken gesessen, wären die Risiken in der AIG-Bilanz vermutlich unter dem Stichwort "unwesentlich" abgebucht worden. Wenn die Prüfer in den nächsten Tagen durch die Bücher der Wall Street stöbern, werden sie hoffentlich noch mehr Sprechblasen zum Platzen bringen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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