E-Mail von der Wall Street
Zahnloser Tiger SEC

Von den vielen Fragen, die von der Finanzkrise aufgeworfen werden, brennt eine besonders unter den Nägeln: Wo war eigentlich die SEC? Die Finanzmarktpolizei hat viel von ihrem Biss verloren. Die Krise an den Kreditmärkten hat das offen gelegt. Eine E-Mail an christopher.cox@sec.gov.
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Die amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission hat im Ausland einen Ruf wie Donnerhall. Fragen Sie mal die Manager bei Siemens. Die bekommen sofort Herzklopfen, wenn sie die drei Buchstaben der Sheriffs von der Wall Street hören. Doch die inanzmarktpolizei hat viel von Ihrem Biss verloren.

Als Sie, lieber Christopher Cox, vor kurzem von aufgebrachten Kongressabgeordneten gefragt wurden, warum ihre Organisation nicht schon früher die Risiken bei der Investmentbank Bear Stearns entdeckt habe, blickten Sie Hilfe suchend zum New Yorker Notenbank-Chef Timothy Geithner. Der Blick sagte alles. Die Fed war über die Probleme der Broker an der Wall Street weitaus besser im Bilde - und hat deshalb jetzt auch das Kommando bei der Finanzaufsicht übernommen.

In dem Reformvorschlag von US-Finanzminister Hank Paulson wird dieser Rollenwechsel offiziell bestätigt. Die SEC, so der Plan, soll sich mit der Commodity Futures Trading Commission in Chicago zusammenschließen. Der Schutz der Investoren, die Hauptaufgabe der Börsenaufsicht seit ihrer Gründung nach dem Börsencrash von 1929, soll künftig partnerschaftlich mit der Finanzindustrie gewährleistet werden. Das klingt ebenso gut wie lebensfremd. Nur wenn die SEC die Macht und den Willen hat, Verstöße gegen das Wertpapierrecht hart zu bestrafen, wird sie von den Finanzhaien an der Wall Street ernst genommen.

Dass die Börsenaufsicht diese Aufgabe im Moment nicht erfüllen kann, ist nicht nur ihre Schuld. Etatkürzungen und politischen Ränkespiele haben die SEC lange gelähmt. Die von den Marktwächtern verhängten Geldstrafen sind im vergangenen Finanzjahr um die Hälfte gefallen. Die Fluktuation der Mitarbeiter ist auf dem höchsten Stand seit fünf Jahren. Noch immer gibt es zu viele Juristen und zu wenig Ökonomen bei der SEC. Hinzu kommt, dass die Börsenaufsicht durch die Globalisierung des Bilanzrechts an Einfluss verliert. Überflüssig wird sie damit jedoch nicht. Wer sonst schützt Investoren vor der Gier der Wall Street?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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