E-Mail von der Wall Street: Zurück in die Zukunft

E-Mail von der Wall Street
Zurück in die Zukunft

Was nun, lieber Bob Greifeld? Da haben Sie monatelang mit der Londoner Börsenchefin Clara Furse um eine Übernahme gerungen und stehen jetzt mit fast leeren Händen da. Nicht mal ein Prozent der Aktionäre haben Ihr Übernahmeangebot für die London Stock Exchange (LSE) angenommen. Das ist keine knappe Niederlage, das ist ein Debakel.

an: robert.greifeld@nasdaq.com

Zwar hat Ihre Technologiebörse Nasdaq noch knapp 29 Prozent der LSE-Aktien in der Tasche, doch die hängen Ihnen wie ein Klotz am Bein. Das dort angelegte Geld könnten Sie gut gebrauchen, um sich auf dem Heimatmarkt die wachsende Konkurrenz vom Halse zu halten oder international einen anderen Partner zu suchen.

Lieber Bob Greifeld, offenbar haben Sie den Widerstand der resoluten Dame aus London völlig unterschätzt. An ihr haben sich schon die Deutsche Börse und die Euronext in Paris die Zähne ausgebissen. Haben Sie wirklich geglaubt, man könnte eine 300 Jahre alte Institution durch eine aggressive Belagerung zum Aufgeben zwingen? Als in Londons Kaffeehäusern bereits reger Handel betrieben wurde, war New York noch britische Kolonie. Eine so stolze Tradition will gewürdigt werden. Da war es nicht besonders hilfreich, dass Sie ihren Wunschpartner öffentlich schlecht gemacht haben. Am Ende ist der Deal nicht am Preis, sondern an Ihrer ungeschickten Taktik gescheitert.

Sie haben die Nasdaq in eine Sackgasse manövriert. An die LSE kommen Sie die nächsten zwölf Monate nicht mehr ran. Der Anteil in London bringt Ihnen nichts als Ungemach. Sie haben die Nasdaq in Schulden gestürzt und die Bonität der Börse beschädigt. International gehen Ihnen die Partner aus. Nicht zuletzt, weil Ihr Erzrivale John Thain von der New York Stock Exchange das globale Börsenmonopoly weitaus erfolgreicher spielt als Sie. Und zu Hause sitzen Ihnen vollautomatisierte Handelsplätze wie Bats im Nacken.

Kein Wunder, dass die Börsianer Sie in dieser Woche abgestraft haben. Die Nasdaq-Aktie sank trotz eines guten Ergebnisses 2006 wie ein Stein im Wasser. Die Anleger wollen eben wissen, wo es lang geht. Als jemand, der in der Sackgasse festsitzt, können Sie darauf nur antworten: zurück in die Zukunft. Dass diese Parole die Phantasie der Börsianer nicht beflügelt, wissen Sie als Börsenchef selbst am besten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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