E-Mail von der Wallstreet
Beredtes Schweigen

"Ein starker Dollar liegt im Interesse Amerikas.“ Erinnern Sie sich noch an diesen schönen Satz, lieber Henry Paulson? Damit stabilisierte Ihr Vorgänger Bob Rubin in den 90ern jahrelang den Greenback und beruhigte die Finanzmärkte. Seit jenen Tagen ist es im amerikanischen Finanzministerium ziemlich still geworden, wenn es um den Dollar geht.

an: henry.paulson@treasury.gov



Auf der anderen Seite des Atlantiks sieht es ähnlich aus. Vor zweieinhalb Jahren bezeichnete EZB-Chef Jean-Claude Trichet den starken Anstieg des Euros gegenüber dem Dollar noch als „brutal“. Heute hört man allenfalls ein leises Murren. Derweil steigt der Euro – und steigt und steigt.

Das beredte Schweigen der Politiker hat seinen Grund: Ein starker Dollar ist im Moment nicht im Interesse der Amerikaner. Andererseits können die Europäer mit einer starken Währung ganz gut leben. In den USA lahmt die Wirtschaft, und das Handelsdefizit ist nach wie vor exorbitant hoch. Da kommt ein schwacher Dollar gerade recht. Verbilligt er doch die US-Waren auf dem Weltmarkt und sorgt so für bessere Handels- und Wachstumszahlen. Der starke Euro hilft umgekehrt der Europäischen Notenbank, die Inflation im Griff zu behalten. Hinzu kommt, dass die europäische Wirtschaft heute weitaus robuster ist als 2004 und deshalb dem Währungsdruck besser standhalten kann. Das ist auch das Verdienst des starken Euros, der als „Produktivitätspeitsche“ die heimischen Unternehmen zu Höchstleistungen angespornt hat.

Das Spiel mit einem schwachen Dollar ist aber zugleich ein Spiel mit dem Feuer. Wenn sich die Investoren von Dollar-Anlagen abwenden, kann Amerika seinen Kapitalhunger von rund zwei Milliarden Dollar pro Tag nicht mehr stillen. Die US-Notenbank müsste die Zinsen anheben, um das Überangebot an und die schwache Nachfrage nach Dollar wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ein Szenario, das die US-Wirtschaft leicht in eine Rezession stürzen könnte. Und das würden auch die Europäer zu spüren bekommen. Spätestens dann werden sich die Politiker wieder zu Wort melden.

riecke@handelsblatt.com

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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