E-Mail von der Wallstreet
Der Herr der Börsen

Nicht der Chef der New York Stock Exchange, John Thain, sondern Sie, lieber Jeffrey Sprecher, sind der wahre Herr der Börsen. Mit dem überraschenden Übernahmeangebot Ihrer Intercontinental Exchange für den Chicago Board of Trade könnten Sie den Marktplatz für Finanzprodukte stärker umkrempeln als Mr. Thain mit seiner Euronext-Fusion. Warum?

an: jeffrey.sprecher@ice.com

Sie, lieber Jeffrey Sprecher, könnten den weltweiten Marktplatz für Finanzprodukte weitaus stärker umkrempeln als Mr. Thain mit seiner Euronext-Fusion. Warum?

Weil Sie den Riecher für die Finanzwelt von morgen haben. Nicht die Aktien von General Electric werden dann den Ton angeben. Sondern Derivate wie Zinskontrakte, Obligationen, Swaps und Optionen auf den Terminmärkten der Welt.

Im Grunde ist das bereits heute schon der Fall, wie das "Wall Street Journal" kürzlich vorgerechnet hat. Der Wert der weltweit gehandelten Derivate ist in den vergangenen vier Jahren um 30 Prozent pro Jahr gestiegen und belief sich 2006 auf 450 Billionen Dollar. Der Handel mit Aktien und Anleihen bewegte noch nicht einmal ein Viertel dieser gewaltigen Summe. Hinzu kommt, dass die Börsen bei jedem Handel mit Derivaten bis zu 60 Cent pro Kontrakt verdienen können. Die große Nyse von Herrn Thain kassiert für ihren Aktienhandel dagegen nur einen Bruchteil davon. Kein Wunder, dass die Marktplätze in Nordamerika und Europa mit dem Aktienhandel nur 2,3 Mrd. Dollar eingenommen haben, während die Börsen für die Abwicklung des Derivate-Handels 3,7 Mrd. Dollar verbuchen konnten.

Die Innovation der Finanzprodukte macht es möglich. Aktien und Anleihen sind immer Spiegelbild der realen Wirtschaft, daher ist ihr Wachstum begrenzt. Derivate leiten sich zwar in der Regel auch vom realen Wirtschaftsleben ab. Doch hier sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. So kann man heute auf die Pleite der US-Autobauer ebenso spekulieren wie auf Zinsschritte der Notenbank oder den nächsten Hurrikan in Florida.

Dass dieser riesige Markt zum Teil im Schatten der großen Börsen stattfindet, liegt an den Banken. Sie wickeln den weitaus größten Teil des Derivate-Handels untereinander ab. Es ist deshalb nicht besonders glaubwürdig, lieber Herr Sprecher, wenn Sie sich im Kampf um den CBOT als Vorkämpfer für mehr Wettbewerb profilieren. Gehören doch die großen Wall-Street-Häuser zu Ihren wichtigsten Aktionären.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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