E-Sourcing - der Factory-Gedanke schwappt nach Europa
Innovative Newcomer auf Kundenfang

Die Entwicklung der Informationstechnologie definiert die Rahmenbedingungen für jedes Geschäft und jede Industrie neu, auch für den Sektor der Finanzdienstleister.

Nicht zuletzt das Internet hat im Finanzsektor zu einer Durchlässigkeit und teilweise bereits zu einem Auseinanderbrechen der Wertschöpfungskette geführt. Keine Frage, die "value chains" sind unter dem Seziermesser. Traditionell strukturierte und operierende Finanzdienstleister sind dabei, ihre Geschäftsmodelle rasch und radikal zu überdenken beziehungsweise anzupassen.

Es geht um grundsätzliche Fragen wie die Neuausrichtung der strategischen Position, etwa beim Verhältnis von Eigen- und Fremdleistung oder bei der Entscheidung für neue Allianzen.

An der internen Front, in der eigenen "Fabrik", wo die Finanzdienstleistung optimal produziert und verwaltet werden muss, spielen Geschwindigkeit, Flexibilität und Effizienz eine immer entscheidendere Rolle. Es ist davon auszugehen, dass kaum ein Institut in der Lage sein wird, alle Bereiche der Wertschöpfungskette in gleich hoher Qualität anzubieten.

Die Zukunft liegt in Geschäftsmodellen, die eine Spezialisierung auf einige Kernbereiche bringen. Die Banken werden sich dabei gut überlegen, wo ihre Kernkompetenzen liegen und welche Geschäftstätigkeiten sie outsourcen wollen. Immer mehr Kettenglieder stehen auf dem Prüfstand: Muss und kann eine Bank immer alles selbst machen, oder gibt es zunehmend Prozessleistungen, die eingekauft werden können?

Die Kundenschnittstelle gehört mit Sicherheit nicht dazu. Im herrschenden Käufermarkt findet genau dort die erfolgreiche Differenzierung zum Wettbewerb statt. Diese Fokussierung auf den Kunden bindet jedoch Ressourcen jeglicher Art. Strategisches Outsourcing - und damit die Reduzierung der Fertigungstiefe zur Freilegung von Kapazitäten - bietet sich deshalb für all jene Prozesse an, die nicht auf Differenzierung und Kundenbindung ausgerichtet sind: etwa für die Abwicklung, Transaktionsverarbeitung oder den Betrieb von Rechenzentren. In den USA bereits weit verbreitet, wird Informatik-Outsourcing nun bei den europäischen Kreditinstituten ebenfalls vermehrt zum Thema.

Rechenpower auf Abruf ist dabei ein neuer Trend. Das so genannte "e-business on demand", also die IT-Unterstützung durch externe Dienstleister "auf Abruf". Kostengünstig erhalten Finanzdienstleister Rechenleistung und IT-Ressourcen auf ihre Belange hin abgestimmt. Bei Bedarf werden die Kapazitäten umverteilt, um auch IT-Spitzenzeiten flexibel abdecken zu können. Die IT entwickelt sich somit von einem Instrument zum Kostensparen zu einem strategischen Partner, der neue Geschäftsmodelle ermöglicht.

Der "Factory"-Gedanke hält Einzug ins deutsche Kreditgewerbe.

Mit Insourcing entstehen "Abwicklungsfabriken" - gleichzeitig stellt sich neben der Frage des Outsourcing auch die nach der Integration von Geschäftsprozessen, also dem Insourcing. Überall dort, wo durch hohe Transaktionszahlen aufgrund von Skaleneffekten Kosten eingespart werden können, etwa bei der Wertpapier- oder Zahlungsverkehrsabwicklung, bietet sich die Übernahme von Dienstleistungen für andere Finanzinstitute an. Es liegt auf der Hand, dass dabei vermehrt auch Partnerschaften von heute konkurrierenden Finanzkonzernen entstehen werden. Dieser Factory-Gedanke, in den Vereinigten Staaten von Amerika bereits weit verbreitet, hält auch immer mehr Einzug in das deutsche Kreditgewerbe.

Die Zeit drängt, denn lukrative und profitable Geschäftsfelder ziehen vermehrt Nischenanbieter an. Innovative Newcomer werden auch in Zukunft mit neuen Geschäftsmodellen versuchen, Kunden zu gewinnen.

Eigene Geschäftstätigkeit neu definieren

Besonders gefährlich wird es, wenn es diesen gelingt, die Kundenschnittstelle zu besetzen und damit die heutigen Banken zu reinen "Content Providern" und/oder Transaktionsverarbeitern zu degradieren. Sparkassen und Genossenschaftsbanken suchen die nach wie vor benötigte Vielfalt im Verbund. Große Universalbanken sprechen eher von der Erfordernis, zum "Multispezialisten" zu mutieren. Kleineren oder isolierten Spielern bleibt die Möglichkeit, sich eine Nischenstrategie zurechtzulegen und sich durch Fokussierung auf ein ganz bestimmtes Segment hervorzutun. Allen gemeinsam ist die Notwendigkeit, ihr gesamtes Unternehmen zu überdenken und die Schwerpunkte der eigenen Geschäftstätigkeit neu zu definieren.



  • Ulrich Wolf, Vice President IBM Financial Services Sector Central Region



Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%