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E112 – Nicht nur zur Not

Seit der Abstimmung über die "Universaldienstrichtlinie" der Europäischen Kommission im März dieses Jahres sind Mobilfunkbetreiber und Notrufzentralen in der EU u.a. aufgefordert, automatische standortbezogene Notrufdienste einzurichten. Für Mobilfunkbetreiber kann das eine lukrative Investition bedeuten.

Nicht nur, weil die meisten Handynutzer ihr Mobiltelefon auch aus Sicherheitsgründen kaufen, sondern auch, weil die technologische Infrastruktur für lokalisierbare mobile Notrufe für kommerzielle Services wie beispielsweise lokale Gelbe Seiten oder Freunde-Suchdienste genutzt werden kann.

In zwölf Monaten, ab 24. Juli 2003, soll Artikel 26 der "Universaldienstrichtlinie" - in das jeweilige nationale Recht umgewandelt - dafür sorgen, dass alle Notrufe in der EU - von Festnetz- und Mobiltelefonen - automatisch Standortinformation über die nötigen Schnittstellen zur Umleitung von E112-Notrufen an die nächstgelegenen Notrufzentralen weiterleiten. Bisher waren den meisten Notrufzentralen in der EU lediglich die Standortinformationen von Festnetz-Rufnummern zugänglich.

Standortbezogene Notrufhilfe auf Platz 1

Beim Thema E112 gehen rechtliche Verpflichtungen allerdings mit Geschäftschancen Hand in Hand: Sicherheit ist einer der Hauptgründe, warum Konsumenten Mobiltelefone kaufen. In einem Bericht von Februar 2002 bestätigt das EC-nahe Forum CGALIES, dass 65 Prozent der 90 Millionen EU-Bürger, die im Jahr 2001 ins Ausland reisten, sich auf Reisen unsicher fühlten. IDC's im Juni veröffentlichte jährliche Umfrage unter 700 US-Haushalten mit Mobiltelefonen zeigte erstmals, dass die drei als am wichtigsten eingestuften mobilen Dienste standortbezogene Services waren, angeführt von Notruf-Hilfe, gefolgt von Navigationsdiensten und "Concierge" Services (zB "Finde die nächste Tankstelle, Restaurant, Kino" etc.).

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Konsumenten mobile Sicherheitsdienste nachfragen. In Folge können diejenigen Mobilfunkbetreiber, die als erste diese Nachfrage bedienen, Wettbewerbsvorteile ausbauen und Umsatzchancen maximieren.

Kommerzielle standortbezogene Dienste als weitere Umsatzquelle

Viele Mobilfunkbetreiber in Europa, darunter auch in Deutschland, haben bereits begonnen, den Markt für mobile standortbezogene Dienste zu erschließen. Kunden dieser Betreiber können beispielsweise Informationen zu den ihnen nächstgelegenen Restaurants abrufen, Freunde rasch finden, lokal gültige Gutscheine oder lokale Wetterinformationen erhalten. Alle diese Dienste basieren auf Location Gateways sowie auf den Standortdaten des Anrufers und haben sowohl bedeutendes Umsatz- als auch Kundenbindungspotential.

Der Marktausblick für kommerzielle standortbezogene Dienste ist vielversprechend: Eine von Ovum veröffentlichte Studie prognostiziert, dass Mobilfunkbetreiber in Westeuropa ihre Umsatzerlöse mit standortbezogenen Diensten von ? 62,2 Mio. 2001 auf ? 5.754,4 Mio. im Jahr 2005 um mehr als das 90-fache steigern werden.*)

Universaldienstrichtlinie der EU, vom 7. März 2002, Art. 26/3: "Die Mitgliedsstaaten stellen sicher, dass die Unternehmen, die öffentliche Telefonnetze betreiben, den Notrufstellen bei allen unter der einheitlichen europäischen Notrufnummer 112 durchgeführten Anrufen Informationen zum Anruferstandort übermitteln, soweit dies technisch möglich ist."

Pflicht und Kür

Die Universaldienstrichtlinie schreibt den Einsatz von Standorttechnologien vor, die bereits erfolgreich im Markt eingesetzt werden - wie beispielsweise Cell-ID - um Informationen zum Anruferstandort umzuleiten. Damit aber mobile Notrufe mit automatischer Standortinformation quer durch Europa funktionieren, sind mehrere Schritte sowohl seitens der Mobilfunkbetreiber als auch der Notrufzentralen erforderlich:

1. Mobilfunkbetreiber adaptieren vorhandene bzw. installieren Location Gateways, die gemeinsam mit standortbezogenen Applikationen als Gateway Mobile Location Centres (GMLCs) fungieren. GMLCs verknüpfen Standortinformationen eines Anrufers mit standortbezogenen Applikationen, die der Anrufer zuvor betreffend die Nutzung seiner Standortinformation authorisiert hat. Die Standortinformationen des Anrufers werden zuvor mit Hilfe von Standorttechnologien aus dem Telefonnetz generiert.

2. Mobilfunkbetreiber ergänzen die Location Gateways mit mobilen Notrufapplikationen zu GMLCs. Das GMLC sammelt die Daten des Anruferstandortes und stimmt diese mit den Standortdaten der nächstgelegenen Notrufzentrale ab. Die Notrufapplikation leitet die Standortinformation des Anrufers automatisch an die identifizierte Notrufzentrale weiter. In bestimmten Situationen unterstützt das GMLC auch die Mobilfunkvermittlungsstelle bei der Entscheidung über die richtige Anrufumleitung. Es verbindet dann Standorttechnologien wie z.B. Cell-ID mit anderen Netzwerkdiensten und bietet damit Zentralen zur Entsendung von Notdiensten eine Schlüssel-Schnittstelle.

3. Mobilfunkbetreiber und Notrufzentralen integrieren ihre unterschiedlichen Arten von Netzwerken und Computersystemen. Auf Grund der oft stark regionalisierten Organisationsstruktur der Notrufzentralen je EU-Land müssen die Notrufapplikationen der Mobilfunkbetreiber eine Vielzahl an Schnittstellen aufweisen.

Hat ein Mobilfunkbetreiber einmal ein GMLC eingerichtet, kann er von dieser Basis aus beide Arten von mobilen Diensten anbieten und sein Investment in gesetzlich vorgeschriebene Notruflösungen amortisieren. Dass Navigations- und "FriendFinder-"Dienste unter Handynutzern sehr beliebt sind, hat sich vor allem in Schweden und Großbritannien bereits gezeigt.

Mobilfunkbetreiber sind allerdings nicht allein, wenn es um die Umsetzung von kombinierten standortbezogenen kommerziellen und Notrufdiensten geht. Einige Anbieter offerieren neben kommerziellen Applikationen auch mobile Notrufapplikationen sowie Gateways und Middleware für Client Authentication und Privacy Management. Provider, deren Notrufapplikationen sich bereits unter den strengen Richtlinien der US-911 Notrufnummer bewährt haben, können dabei EU-Mobilfunkbetreibern beim erfolgreichen Ersteinsatz von E112 mit automatischer Standortinformation einen Erfahrungsvorsprung verschaffen.

*) Mobile Location Services: Market Strategies, Ovum, Dec. 2000

Schreiben Sie dem Autor: DHose@SignalSoftCorp.com

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