Easyjet steht kurz vor Milliardenauftrag
Boeing kämpft mit Airbus um Mega-Deal

Mitten in der Luftfahrtkrise will die britische Airline Easyjet 120 neue Jets bestellen. Airbus drückt kräftig auf die Preise - doch der Favorit im Billigflugsektor bleibt Boeing mit seinem 737-Modell.

HB DÜSSELDORF/LONDON. Der amerikanische Luftfahrtkonzern Boeing und sein europäischer Konkurrent Airbus kämpfen mit harten Bandagen um den wohl größten Auftrag, der in diesem Jahr an die Flugzeugbauer vergeben wird. Nach Handelsblatt-Informationen steht die britische Billigfluggesellschaft Easyjet kurz vor der Entscheidung, einen Auftrag über den Bau von 120 neuen Flugzeugen bekannt zu geben. Ein Easyjet-Sprecher bestätigte gestern in London, die Verhandlungen seien "weit fortgeschritten". Ein Abschluss sei bis Ende des Monats denkbar. Easyjet will neben 120 Festbestellungen noch Optionen in ähnlicher Stückzahl vereinbaren. Das erste Flugzeug des Milliardenauftrags soll bereits Ende 2003 ausgeliefert werden.

Mit der Order, deren Wert Branchenexperten auf gut 5 Mrd. $ taxieren, will Easyjet seine Expansion in Europa beschleunigen. Das Unternehmen überflügelte kürzlich Ryanair und stieg durch die Übernahme des Rivalen Go zur größten europäischen Billig-Airline auf. Easyjet hat sich zudem eine Kaufoption auf die chronisch defizitäre Deutsche BA gesichert, die derzeit einen Strategiewechsel hin zum Easyjet-Modell versucht.

Analysten in London rechnen fest mit einer Bestellung bei Boeing, da sowohl Easyjet als auch Go und Deutsche BA bisher ausschließlich das 737-Modell des US-Konzerns fliegen. Wegen der weit höheren Kosten verzichten bisher alle Billigfluglinien auf Mischflotten. Luftfahrtexperte Chris Tarry von der Commerzbank meinte kürzlich, der Verhandlungspoker mit Airbus diene vor allem dazu, Boeing ein weiteres Schnäppchen-Angebot abzuringen. Ein Boeing-Sprecher sagte, man sehe sich nach harten Verhandlungen "in der Pole Position". Im Januar 2002 hatte bereits Ryanair mit einer Mega-Order über 100 Flugzeuge des Boeing-Typs 737-800 für Furore gesorgt. Analysten gehen davon aus, dass Boeing wegen der Größe des Auftrags allerdings Nachlässe von gut einem Drittel gewähren musste. Laut Listenpreis belief sich die Order auf 9,1 Mrd. $. Auch Easyjet will jetzt die große Luftfahrtkrise zum günstigen Einkauf nutzen.

Trotz des enormen Preisdrucks, den Airbus anheizt, hätte ein Zuschlag für beide Flugzeugbauer enorme Bedeutung: Boeing sieht derzeit riesige Probleme, seine Produktion in den nächsten beiden Jahren auszulasten. 2003 könne man die Prognose wohl noch halten, nach der Boeing zwischen 275 und 300 Jets ausliefern will. "Doch 2004 sieht wolkiger aus", bestätigte ein Boeing-Sprecher. Weil viele US-Fluggesellschaften seit dem Terror des 11. September am Rande der Pleite fliegen, musste der weltgrößte Flugzeugbauer bereits die geplanten Auslieferungen von mehr als 500 Jets zeitlich nach hinten verschieben.

Für den Airbus-Konzern, der weniger US-Kunden hat und von der Luftfahrtkrise nicht annähernd so stark getroffen wurde, hat die Easyjet-Kampagne vor allem strategische Bedeutung. Die Europäer würden gerne ihre A319 als Billigflieger ins Rennen bringen. Bisher dominiert aber Boeing diesen Bereich mit seinem 737-Modell: Der erfolgreiche US-Pionier Southwest Airlines, der irische Preisbrecher Ryanair oder auch Easyjet - alle fliegen bisher mit Boeing-Jets. Ein neuer Großkunde wie Easyjet im wachsenden Low-Cost-Markt würde Airbus seinem Ziel näher bringen, den angeschlagenen US-Marktführer zu überflügeln.

Das Investmenthaus CSFB in London erwartet, dass Easyjet bis 2009 eine Flotte von 196 Flugzeugen haben wird. Bislang sind es 63 Maschinen. "Das bedeutet, dass die Gruppe allein 133 zusätzliche Flugzeuge in den kommenden sieben Jahren benötigt", rechnet CSFB vor. Hinzu kommt die Zahl jener Maschinen, die ausgemusterte Flugzeuge ersetzen müssen.

Zwar teilen nicht alle Luftfahrtexperten das ungebremste Wachstumsszenario der erfolgreichen Billig-Airlines. Analyst Gert Zonneveld von West LB Panmure geht indes davon aus, dass die Sparflieger in zehn Jahren bereits 25 bis 30 % des europäischen Luftverkehrs durchführen könnten. Bisher sind es erst knapp 8 %.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%