Ed Kerschner liegt seit Herbst mit seinen Empfehlungen richtig
Top-Anlagestratege empfiehlt Tech-Aktien

Für viele Experten kam der Kursaufschwung seit Herbst überraschend - aber nicht für Ed Kerschner. Der Chefstratege der Investmentbank UBS Warburg erwartet weitere Börsenzuwächse und eine globale Konjunkturerholung. Das Informationszeitalter habe die Basis für Wirtschafts- und Börsenzyklen verändert, sagt der bekannte Stratege.

FRANKFURT/M. Ist der Bärenmarkt, der vor zwei Jahren begann, vorbei? Ed Kerschner, Chefstratege der Investmentbank UBS Warburg, kontert mit einer Gegenfrage: "War das überhaupt ein Bärenmarkt?" Der notorische Optimist spricht lieber vom "Platzen einer Blase". Das klingt nicht so negativ. Ohnehin sei die heiße Luft längst raus aus den Kursen und der Weg frei für eine neue Rally, sagt Kerschner, der seinem Spitznamen "Bulle der Wall Street" alle Ehre macht. Eine Weile sahen Fondsmanager und Privatanleger solchen Optimismus skeptisch. Denn sie verloren im Kurssturz, den auch Kerschner nicht vorhersah, enorme Summen. Doch mit dem neuen Aufschwung feiern die Bullen (Optimisten) ihr Comeback.

Davon profitiert auch der oberste Anlageexperte von UBS Warburg, der Investmentsparte des Schweizer Finanzriesen UBS AG. Der 48-jährige Kerschner ist einer der bekanntesten und angesehensten Anlagestrategen weltweit. Bei den unter Bankern viel beachteten Umfragen des Fachmagazins Institutional Investor landet er seit Jahren stets auf einem Top-Rang.

"Die Kurse dürften in den nächsten zwölf Monaten um fünfzehn bis zwanzig Prozent steigen", sagt Kerschner im Gespräch mit dem Handelsblatt. Als Triebfeder der Börsen sieht er die weltweite Konjunkturwende. "Die großen Wirtschaftsräume kommen gleichzeitig auf die Beine - und das ohne Inflationsdruck". Letzteres sei einerseits gut für die Börsen. Denn Inflation entwertet Vermögenstitel wie Aktien und ist Gift für die Kurse. Andererseits haben viele Firmen ohne Inflation kaum Spielraum für Preiserhöhungen. "An der Börse werden daher die Branchen stark profitieren, die echtes, profitables Wachstum bieten", so Kerschner.

Und das soll gerade der Bereich sein, der zum Symbol für den irrationalen Boom der 90er wurde - Technologie. "Wir setzen auf Aktien wie Intel, Microsoft, Cisco und die deutsche Softwareschmiede SAP", sagt Kerschner, "das waren die Gewinner des vergangenen Jahrzehnts, und ich würde mich nicht wundern, wenn sie auch die Gewinner dieses Jahrzehnts werden". Dagegen hält er nichts von kleinen, heißen Internetaktien. "Diese Werte, in die Anleger sich vor zwei Jahren verliebten, sind praktisch verschwunden, "die spielen an der Börse keine Rolle mehr." Kerschner warnte im Frühjahr 2000 vor einem Einbruch bei Internetaktien. "Allerdings haben wir die Folgen für den Gesamtmarkt unterschätzt", gibt er zu.

Kerschners Favoriten, die "Gorillas" unter den Technologiefirmen, zählten zu den Gewinnern des Kursanstieges seit Herbst. Aber nur wenige Experten sind ähnlich enthusiastisch. "Viele Tech-Titel sind noch krass überbewertet", sagt Albert Edwards, Chefstratege der Dresdner-Bank-Tochter Kleinwort Wasserstein. Mehrere Experten, so der Chefstratege der Deutschen Bank, Pascal Constantini, haben aber kürzlich ausgewählte Tech-Aktien in ihre Empfehlungslisten aufgenommen.

Einigkeit herrscht unter Experten nur darüber, dass Kerschners Prognose vom Konjunkturausblick abhängt. Manche Volkswirte zweifeln, ob die jüngste US-Erholung anhält. Ihrer Ansicht nach passt es schlecht zusammen, dass auf eine der längsten Boomphasen der US-Geschichte in den 90ern nur eine kurze Rezession folgen soll.

"Wir müssen wohl neu definieren, was eine Rezession im Informationszeitalter bedeutet", antwortet der UBS - Stratege darauf. Der Wirtschaftszyklus habe sich durch den technischen Fortschritt verändert. "Im Agrarzeitalter dauerte der Konjunkturzyklus nur ein Jahr, nämlich von einer Ernte zur nächsten", sagt Kerschner. Fiel die Ernte schlecht aus, dann herrschte Krise - heute Rezession genannt. "Im Industriezeitalter löst dagegen falsche Lagerhaltung die Rezession aus", erklärt er. In guten Zeiten produzieren die Firmen zu viel; wenn die Nachfrage fällt, sitzen sie auf zu hohen Lagerbeständen. "Dann stoppen sie eben für eine Weile die Produktion, um die Läger zu räumen. Das ist die Rezession" sagt er.

Im Informationszeitalter dagegen bräuchten die Firmen keine großen Läger mehr. Durch Computerkommunikation und Just-in-time-Prozesse könnten die Produzenten besser abschätzen, was die Verbraucher wollen. "Wir machen einfach nicht mehr so große Fehler wie früher. Darum werden im Informationszeitalter auch die Rezessionen seltener", sagt Kerschner.

Im New-Economy-Fieber waren solche Thesen weit verbreitet. Selbst US- Notenbankchef Alan Greenspan pries die Segnungen des Informationszeitalters. Doch der Absturz der Tech-Aktien streute Zweifel. Kerschner bleibt trotzdem dabei: "Die Börsenhysterie bei heißen Internetaktien war absurd. Aber der technische Forschritt ist real."

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