Edeka bietet Anteilseignern 5,63 Euro pro Aktie
Otto-Reichelt-Aktionäre fühlen sich zu billig abgespeist

Enteignung oder faires Angebot? Darüber stritten gestern Aktionäre auf der Hauptversammlung der Otto Reichelt AG in Berlin. Großaktionär Edeka macht von dem seit Januar 2002 im Aktiengesetz installierten Instrument des Squeeze-Outs Gebrauch, dem Zwangsausschluss von Minderheitsaktionären: Die verbliebenen 2,29 % Streubesitzaktionäre werden abgefunden und sollen 5,63 Euro pro Aktie erhalten. Zu wenig, meinen Aktionäre und Aktionärsschützer.

DÜSSELDORF. Zwar liegt die Barabfindung über dem Wert des von Edeka in Auftrag gegebenen Bewertungsgutachtens, in dem die BDO Deutsche Warentreuhand AG, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, einen Aktienwert von nur 4,87 Euro ermittelt hat. Doch die Abfindung liegt deutlich unter dem Börsenkurs der vergangenen drei Monate. Diese schwankte an der Frankfurter Börse zwischen 6,15 Euro und 8,20 Euro und lag nach Handelsblatt-Berechnungen im Mittel bei 7,01 Euro. "Zu der Bewertung unseres Unternehmens kann ich nichts sagen. Die hat der Gutachter gemacht", sagte eine Sprecherin Otto Reichelts dem Handelsblatt.

Anleger, die vor einigen Monaten ein damals noch freiwilliges Übernahmeangebot für 6,75 Euro im Glauben an einen höheren Unternehmenswert ausgeschlagen haben, fühlen sich betrogen. Deshalb werden sich Großaktionär Edeka und Kleinaktionäre vor Gericht wiedersehen. "Nach der Hauptversammlung und der Eintragung ins Handelsregister gehen die Aktien auf den Hauptaktionär über. Der Aktionär kann die Höhe der Abfindung gerichtlich überprüfen lassen", sagt Sabine Reimer von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.

Aktionäre erhalten jetzt erst einmal die festgesetzte Summe, doch über eine Erhöhung können sie im so genannten Spruchstellenverfahren streiten. "Die bisherige Rechtsprechung geht in die Richtung, dass der durchschnittliche Aktienkurs der vergangenen drei Monate eine Untergrenze darstellt", erläutert Malte Diesselhorst von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Bundesgerichtshof hatte im vergangenen Jahr im Streit DAT/Altana entschieden, dass für die Abfindungen von Aktionären bei Gewinnabführungs- und Beherrschungsverträgen ein dreimonatiger Referenzzeitraum des Börsenkurses maßgeblich sei. Zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht grundsätzlich erklärt, dass der Börsenkurs bei Abfindungen nicht "außer Acht" gelassen werden dürfe. Experten erwarten, dass sich diese Rechtsprechung auch in den Spruchstellenverfahren über die Höhe der Barabfindung beim Squeeze-Out durchsetzen wird.

"Moderner Ladendiebstahl"

Christoph Schäfers von der Falkenstein Nebenwerte AG spricht von "modernem Ladendiebstahl in großem Stile". Zwar sei die Geschäftsentwicklung des 1919 gegründeten Einzelhändlers seit Jahren unbefriedigend. Otto Reichelt erzielte 2001 nach Steuern einen Jahresüberschuss von 2,7 Mill. Euro (Vorjahr 0,1 Mill. Euro). Dadurch gelang es, den Verlustvortrag auszugleichen. Ein Blick in die Konzernbilanz zeige aber, dass allein das bilanzielle Eigenkapital Ende 2001 bei 8,95 Euro pro Aktie lag und damit 59 % über dem jetzigen Angebot. Schäfers verweist auf das Immobilienvermögen mit einer Fläche von 345 943 Quadratmetern. Davon seien 114 161 Quadratmeter im Berliner Stadtgebiet bebaut. Wenn ein Quadratmeter 1 500 Euro wert ist, müsse für eine Aktie 12,87 Euro veranschlagt werden.

Es ist für viele unverständlich, warum Edeka zuletzt die Abfindung um 1,12 Euro auf 5,63 Euro gesenkt hat. Denn insgesamt geht es angesichts verbleibender 300 000 freier Aktionäre um kleine Beträge. "Hätte Edeka eine Abfindung in Höhe des freiwilligen Übernahmeangebots, das ja erst im Januar 2002 auslief, geboten, hätte dies lediglich 0,33 Mill. Euro mehr gekostet - und hätte sicherlich dazu beigetragen, die berechtigte Entrüstung der Streubesitz-Aktionäre in Grenzen zu halten", meint Schäfers.

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