Edward Kerschner, Chefstratege der Investmentbank UBS Warburg
Der Börsenbulle aus New York

Edward Kerschner beschäftigt sich pausenlos mit den Börsen, um institutionellen Anlegern Gewinn bringende Aktientipps zu geben. In diesen Zeiten ein anstrengender Job.

Der "Oberbulle der Wall Street", wie Edward ("Ed") Kerschner genannt wird, hat einen harten Tag hinter sich. Der kleine, beleibte Mann mit der runden Brille liegt mehr, als er in seinem Sessel in einer Suite des Frankfurter Inter-Conti sitzt. Schuhe und Krawatte hat er ausgezogen, die Füße auf ein Kissen gelegt. Kerschner schaut müde, trotzdem blickt er während des Gesprächs immer mal wieder auf den Fernseher. Dort läuft - was sonst - CNBC mit Börsennachrichten.

"Von Sonntagnacht, wenn Tokio öffnet, bis Freitagabend, wenn New York schließt, denke ich eigentlich pausenlos an die Aktienmärkte", sagt der Chefstratege der Investmentbank UBS Warburg. Kerschner tüftelt entweder mit seinem Team in New York an neuen Anlagekonzepten, oder er tourt rund um den Globus und berät Fonds oder superreiche Privatinvestoren.

Den Spitznamen "Oberbulle" trägt Kerschner nicht wegen seiner Leibesfülle, sondern, weil er den Börsenboom der 90er-Jahre frühzeitig vorhersagte. Berühmt wurde er indes durch seine Studie über "New Economy and New Metrics". Darin verwarf er jene neuen Bewertungsmaßstäbe, mit denen damals viele Analysten versuchten, die astronomisch hohen Kurse von Internetaktien zu rechtfertigen. Kerschners Studie erschien am 10. März 2000. Am Tag darauf begannen die US-Technologiebörse Nasdaq und der Frankfurter Neue Markt ihren tiefen Sturz.

Was den Gesamtmarkt betraf, so lag er allerdings lange schief. Sein Kursziel für den breiten US-Aktienindex S & P 500 lag zeitweise über 7 000. Heute notiert das Kursbarometer bei 1 200.

Seit 25 Jahren im Geschäft

"Wir liegen nicht mit jeder Prognose richtig", gibt Kerschner mürrisch zu, um dann gleich nachzulegen: "Aber insgesamt geben wir mehr gute als schlechte Tipps. Sonst würde ich nicht hier sitzen." Er spricht typisch amerikanisch - kurze, bissige Sätze, manchmal gewürzt mit einem Schuss Selbstironie. "Ich bin jetzt 25 Jahre im Geschäft", sagt der 48 Jahre alter New Yorker. Er zählt damit zu den alten Hasen unter den Anlagestrategen. Die meisten seiner Kollegen steigen früher aus, um dem Dauerstress zu entkommen.

Vielleicht ist Kerschners lange Erfahrung ein Grund, warum seine Reputation durch die Börsenbaisse weniger gelitten hat als der Ruf anderer "Bullen" wie etwa Abby Joseph Cohen von Goldman Sachs oder des Internetanalysten Henry Blodget von Merrill Lynch.

Bei der jüngsten Umfrage des Fachmagazins "Institutional Investor" landete Vorjahressieger Kerschner auf Platz zwei der Kategorie "US-Anlagestrategie". Bei dem in Bankenkreisen viel beachteten Ranking musste Kerschner nur dem profilierten "Bären" (Pessimisten) Michael Goldstein von Sanford C. Bernstein den Vortritt lassen. Die weitaus bekanntere Abby Cohen landete auf Rang drei.

"Im Gegensatz zu Cohen begründet Kerschner seine Prognosen mit thematischen Konzepten, die er oft über Jahre verfolgt", sagt Johannes Day, bei der Dresdner-Bank-Fondstochter DIT verantwortlich für mehrere Nordamerikafonds. So analysierte der UBS-Stratege, welche Branchen von demographischen Trends profitieren.

Ergebnis: Immer ältere und reichere Verbraucher investieren mehr in Gesundheit und Unterhaltung für einen angenehmen Lebensabend. "Die Idee, ausgewählte Pharma- und Entertainment-Aktien zu kaufen, hat sich langfristig ausgezahlt", sagt Day.

Seinen Kopf hielt Kerschner auch über Wasser, als sein langjähriger Arbeitgeber, der US-Vermögensverwalter Paine-Webber, vom Schweizer Finanzriesen UBS übernommen wurde. Dort stieg Kerschner schnell zum weltweiten Chefstrategen von UBS Warburg auf. Seit knapp anderthalb Jahren verantwortet er nun die Börsenprognosen bei einem der weltweit größten Investmenthäuser.

Millionenschwere Provisionsgebühren

Wenn die breite Öffentlichkeit Anlagestrategen wie ihn überhaupt registriert, dann häufig nur seine kurzfristigen Kursprognosen. Sein Geld verdient der UBS-Experte aber, indem er Fondsmanagern die feinen Details seiner Anlageideen erläutert - zunächst kostenlos. Wenn die Fonds dann auf seine Tipps hin bestimmte Aktien kaufen, leiten sie die Order gewöhnlich an die Handelsabteilung von UBS weiter. Über die millionenschweren Provisionsgebühren, die Kerschner so jährlich generiert, rechnet sich sein Job.

Deshalb besucht Kerschner mindestens einmal im Jahr die Manager großer Fonds in Frankfurt, Zürich, Paris und Mailand. Noch häufiger fliegt er nach London und in die großen US-Finanzzentren sowieso.

Daneben schreibt der kleine Dicke, der leidenschaftlich Süßigkeiten isst, regelmäßig Studien und verfolgt außerdem minütlich das Börsengeschehen.

Kein Wunder, dass Kerschner in seiner Frankfurter Hotelsuite müde wirkt. Um neun Uhr abends ist das Interview beendet, sein Arbeitstag aber noch nicht. "Ich muss jetzt noch ein paar Dinge mit New York klären und dann noch was schreiben", sagt Kerschner und verabschiedet sich.

VITA

Ed Kerschner, 48, studierte Wirtschaftswissenschaften in New York. Seine Karriere begann er 1974 beim Brokerhaus Cowen & Co. 1982 wechselte er zum US-Vermögensverwalter Paine-Webber. Seit dem Abschluss der Übernahme von Paine-Webber durch UBS agiert Kerschner als Chefstratege von deren Investmentsparte UBS Warburg. Seit 2001 lehrt er zudem als Gastprofessor an der Stern School of Business der New Yorker Universität.

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