Effekt erst später
Zinssenkungen meist ohne schnelle Konjunkturwirkung

Die Europäische Zentralbank (EZB) gilt den Marktakteuren in Deutschland als Hoffnungsanker zur Wiederbelebung der schlappen Konjunktur. EZB-Chef Wim Duisenberg möge nur eine möglichst kräftige Senkung der Zinsen verkünden und die Wirtschaft zieht wieder an.

Reuters BERLIN. So oder so ähnlich lautet zumindest die in den vergangenen Wochen immer wieder von Wirtschaftsforschern, Gewerkschaften, Arbeitgebern und auch Politikern geäußerte Hoffnung. "Die Wirkung von Zinsschritten auf die Konjunktur ist in der Wissenschaft unbestritten", sagt etwa Konjunkturforscher Carsten-Patrick Meier vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Fraglich sei allerdings, wie schnell und wie deutlich die Wirkung sei. In Deutschland kann dies unter Umständen bis zu drei Quartale dauern.

Grundsätzlich wirkt eine Zinssenkung nach Meiers Worten stimulierend auf die Investitionbereitschaft der Unternehmen und der Verbraucher. Für die Firmen bietet sich nach einer Zinssenkung die Möglichkeit, Kredite zu erheblich günstigeren Konditionen aufzunehmen als zuvor und damit Vorhaben zu realisieren, die ihnen zuvor als nicht finanzierbar erschienen - neue Fabrikanlagen, neue Maschinen, Fahrzeuge und Standorte. "Durch die höhere Investitionsbereitschaft profitiert also die gesamte Wirtschaft", sagt Meyer. Aber nicht nur die Unternehmen machten ihre Entscheidungen von billigeren Krediten abhängig. "Auch die privaten Konsumenten nutzen das billige Geld, um langlebige Konsumgüter wie Waschmaschinen, Wäschetrockner, Autos und vor allem auch Eigenheime zu finanzieren."

Auch Finanzminister Eichel profitiert von der Zinssenkung

Doch nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Aktienmärkte profitieren von Zinssenkungen. "Die Aussicht auf steigende Investitionen steigert auch die Hoffnungen auf die künftigen Gewinne bei den Unternehmen", sagt die Geldexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Silke Tober. "Dadurch gehen dann die Aktienkurse in die Höhe." Professionelle Händler könnten veranlasst werden, ihr Geld aus den stark von den Leitzinsen abhängenden fest verzinslichen Anlagen zu ziehen und stattdessen Akten zu kaufen. Auch dem Staat nutzt eine Zinssenkung. Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) könnte die notwendige Neuverschuldung im Haushalt zu deutlich geringeren Kosten finanzieren als vorher. Auch kann er sich durch das möglicherweise folgende stärkere Wachstum auf mehr Steuereinnahmen einstellen.

Das Problem ist die zeitliche Wirkung. Nach Meyers Worten wird im Allgemeinen ein Zeitraum von einem halben bis zu einem drei viertel Jahr veranschlagt, bevor die Effekte einer Zinssenkung ihre maximale Wirkung entfalten: "Am Anfang sind die Effekte zwar vorhanden, aber nur relativ gering." Darin unterscheidet sich Europa noch deutlich von den USA, wo die Zinswirkung generell schneller und am Anfang kräftiger zum Tragen kommt. "Viele Amerikaner haben ihr Geld in Aktien angelegt", sagt Tober. Durch den Kurseffekt einer Zinssenkung fühlten sich die Menschen damit sehr schnell deutlich wohlhabender. "Damit steigt auch die Konsumnachfrage sehr schnell." In Europa hingegen ist ein breit gestreuter Aktienbesitz trotz des Börsenbooms vor zwei Jahren noch die Ausnahme. "Der Effekt wirkt sich deshalb nur schwach aus."

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