Ehemaliger Schwarzseher erwartet jetzt steigende Kurse
Anlage-Strategen wechseln die Fronten

Unerwartet negative US-Daten verunsichern viele Anlagestrategen. So haben die Experten der US-Bank Lehman Brothers und der Deutschen Bank ihren Optimismus spürbar gedämpft. Der einst pessimistische Chefstratege von JP Morgan glaubt dagegen, dass die Börsen zu tief gefallen sind. Er setzt auf Kurszuwächse bis zum Jahresende.

HB FRANKFURT. Bis vor wenigen Tagen war Abhijit Chakrabortti ein Schwarzseher. Der Chefstratege des US-Finanzriesen JP Morgan zählte zu den wenigen Experten, die den Einbruch der Börsen seit Jahresbeginn richtig vorhersagten. In einem Handelsblatt-Interview am 20.6. warnte Chakrabortti noch vor neuen Verlusten.

Doch der Saulus hat sich zum Paulus gewandelt: "Wir sind von der Verkäufer- auf die Käuferseite gewechselt und erwarten jetzt, dass die Weltbörsen bis zum Jahresende zulegen", sagt der JP-Morgan-Chefstratege.

Damit stellt sich Chakrabortti erneut gegen den Trend. Denn viele Bankstrategen sind in jüngster Zeit vorsichtiger geworden. So reduzierte Ian Scott, Chefstratege der Investmentbank Lehman Brothers, zum Wochenauftakt die zyklische Ausrichtung seines Musterdepots. Er begründete seinen Wechsel damit, dass der weltweite Konjunktur-Indikator der Lehman-Volkswirte abgeknickt sei. Zyklische Aktien profitieren meist bei positiver Börsenlage, sie leiden jedoch im Abschwung oft überdurchschnittlich.

Die Europa-Strategen der Deutschen Bank haben ihren bisherigen Börsen-Optimismus gedämpft. In ihrer jüngsten Studie ergänzen die Experten James Barty und Bernd Meyer zudem ihr Musterdepot um defensive Titel, die weniger stark unter neuen Kursstürzen leiden würden.

Besonders radikal handelte jedoch Albert Edwards, der Chefstratege der Dresdner-Bank-Sparte Kleinwort Wasserstein. Der langjährige Börsenpessimist erhöhte den Anleihen-Anteil seines Musterportefeuilles zum Monatsbeginn auf den höchstmöglichen Wert von 50 %. Aktien machen dagegen nur 40 % seiner empfohlenen Depotmischung aus. Dass Strategen Bonds höher gewichten als Aktien, ist extrem selten. Denn im langfristigen Durchschnitt bringen Aktien höhere Erträge. Außerdem sind Anleihen in den jüngsten Wochen bereits rasant gestiegen. Die meisten Strategen erwarten daher fallende Bondkurse (= steigende Renditen). Doch das sieht Krisenprophet Edwards anders: "Zehnjährige US-Staatsanleihen könnten bald weniger als drei Prozent Rendite bringen", prophezeit er. Das entspräche einem zweistelligen Kurszuwachs. Für Aktien erwartet Edwards dagegen Verluste im zweistelligen Prozentbereich.

Die Triebfeder hinter den jüngsten Schritten der Strategen sind wachsende Sorgen um die amerikanische und die weltweite Konjunktur. Neue Daten haben die bisherigen Optimisten aufgeschreckt: So wuchs das US-Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal weniger stark als angenommen. Zudem verschlechterten sich das Verbrauchervertrauen und das Geschäftsklima in den Vereinigten Staaten unerwartet stark.

Für Edwards steht bereits fest: "Die US-Konjunktur steht vor einer erneuten Schwächephase, welche die Weltwirtschaft und die Börsen belasten wird." Die Mehrzahl der Strategen erwartet dagegen bislang nur eine Verzögerung des US-Aufschwungs - keine neue Rezession. Doch bei Lehman Brothers und der Deutschen Bank wächst die Angst vor dem so genannten Double Dip, dem erneuten Abgleiten der USA in die Rezession. "Die Risiken sind gestiegen", sagt Deutschbanker Meyer.

Eine beruhigendere Interpretation der jüngsten Zahlen liefert indes JP-Morgan-Mann Chakrabortti. "Wir sehen die negativen Konjunkturdaten als Bestätigung, dass die fallenden Aktienmärkte im zweiten Quartal völlig korrekt eine schwächere Dynamik eingepreist haben", sagt er, "aber mittlerweile spiegeln die Kurse ein übertrieben pessimistisches Szenario wider". Bleibt nur zu hoffen, dass Chakrabortti mit seiner optimistischen Wette genau so richtig liegt wie zuvor mit seiner Negativ-Prognose.

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