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Eichels Trostpflaster

Pleiten, Pech und Pannen an den Aktienbörsen reißen tiefe Wunden ins Depot. Die Zeit heilt zwar angeblich alle Wunden. Doch gegen die Schmerzen hilft eine Therapie laut Einkommensteuergesetz.

DÜSSELDORF. Deutsche Anleger werden zurzeit von einer Epidemie heimgesucht. Ein Blick ins Depot und die Diagnose steht fest: "Kursfraß". Gegen dessen schmerzliche Wunden scheint zurzeit kein Kraut zu wachsen. Einzig ein steuerliches Trostpflaster aus dem Hause Eichel verspricht ein wenig Schmerzlinderung. Wie es am besten aufgelegt wird, beschreiben die Paragraphen 22, 23 Einkommensteuergesetz (EStG). Seine heilende Wirkung entfaltet dieses Trostpflaster jedoch nur bei Aktien, Bezugsrechten, Anleihen, Investmentfonds, Devisen, Termingeschäften und bestimmten Zertifikaten. Die wichtigste Regel:

>> Die Wunde behandeln, bevor es zu spät ist. Werden die Papiere nicht innerhalb eines Jahres verkauft, schlägt die Therapie nicht an.

Und so wirkt die Medizin:

>> Vom Kaufpreis vor weniger als einem Jahr werden der Verkaufspreis und die An- und Verkaufsspesen abgezogen. Die Differenz ist der Spekulationsverlust, gesetzeskonform Verlust aus "privaten Veräußerungsgeschäften" genannt.

>> Verrechnet mit Spekulationsgewinnen in anderen Titeln oder etwa durch den Verkauf einer Immobilie im selben Veranlagungsjahr mindert der Verlust die Steuerlast. Sinkt der Spekulationsgewinn auf unter 1 000 DM, bleibt er sogar steuerfrei.

>> Überwiegen in diesem Jahr die Verluste, aber im Veranlagungsjahr 2000 wurden Steuern auf Spekulationsgewinne gezahlt, lassen sich die Spekulationsverluste nachträglich mit den Gewinnen des Vorjahres verrechnen. Dafür gibt es dann eine Steuerrückzahlung. Auch wenn das Veranlagungsverfahren 2000 bereits abgeschlossen ist, muss das Finanzamt die Steuern in einem solchen Fall neu berechnen.

>> Wurden in den Veranlagungszeiträumen 2000 und 2001 keine Spekulationsgewinne erzielt, können die Verluste vorgetragen werden. Sie mindern in den Folgejahren die Steuerlast so lange, bis sie aufgezehrt sind.

>> Eine Verrechnung der Verluste mit positiven Einkünften aus anderen Einkunftsarten ist ausgeschlossen.

Dies war auch bereits nach der alten Fassung des Paragraphen 23 EStG so, der keinen Vor- oder Rücktrag von Verlusten erlaubte. Ob es verfassungskonform ist, die Verrechnung von Verlusten mit positiven Einkünften in anderen Einkunftsarten, etwa Einkommen oder Mieterträgen, zu verweigern, und ob die neue Fassung des Paragraphen 23 EStG mit Vor- und Rücktrag auf offene Altfälle anzuwenden ist, ist umstritten. Immerhin hat der Bundesfinanzhof (BFH) festgestellt, dass ein betroffener Anleger bis zur Klärung Steuern wegen der Nichtanerkennung der Spekulationsverluste in Veranlagungszeiträumen vor 1999 zunächst nicht zahlen muss. Der Vollzug des Steuerbescheids wurde ausgesetzt (Az. IX B 128/99 v. 15.12.2000).

Nicht alle Wunden heilen gleich schnell. Das liegt am Halbeinkünfteverfahren. Es besagt, dass Dividenden nur zur Hälfte besteuert werden, und wird für ausländische Aktien bereits im Veranlagungszeitraum 2001 angewandt, bevor es 2002 auch für deutsche Aktien gilt. Entscheidend: Das Halbeinkünfteverfahren gilt auch für Spekulationsgewinne und-verluste. Das bedeutet:

>> Wer 2001 eine ausländische Aktie mit Verlust verkauft, realisiert nur den halben Spekulationsverlust, mit einer deutschen Aktie dagegen den vollen.

>> Der Verlust aus einem Aktienverkauf im nächsten Jahr wird in jedem Fall nur zur Hälfte anerkannt.

>> Verluste aus Anleiheverkäufen gehen wie bisher voll in die Steuerbemessungsgrundlage ein.

>> Wer Anteile an einem Investmentfonds unter Einstandspreis verkauft, realisiert immer den vollen Verlust. Denn nach Auskunft des Bundesfinanzministeriums spielt es - anders als bei Dividendenzahlungen an den Fonds - keine Rolle, ob der Fonds in in- und/oder ausländische Aktien, zusätzlich in Rententitel oder nur in Anleihen investiert. Ebenso unerheblich ist es, ob ein Fonds im Ausland aufgelegt wurde und in Deutschland zugelassen ist oder es sich um einen deutschen Fonds handelt.

>> Auch für Aktienzertifikate spielt das Halbeinkünfteverfahren keine Rolle. Jedoch fallen nur die am Markt dominierenden Zertifikate ohne Mindestrückzahlung unter Paragraph 23 EStG. Zertifikate mit Geld-zurück-Garantie gelten steuerlich als so genannte "Finanzinnovation". Wie sich mit Finanzinnovationen Steuern senken lassen, zeigt der "Investor" in der nächsten Ausgabe.

Ab und an ist es wichtig, sich zu erinnern, wann - um im Bild zu bleiben - die Schmerzen angefangen haben, so bei Bezugsrechten.

>> Ein Spekulationsverlust kann nur entstehen, wenn zwischen dem Verkauf eines Bezugsrechts und dem Kauf der dazugehörigen Aktie weniger als zwölf Monate liegen. Dabei wird angenommen, dass das Bezugsrecht aus einer Kapitalerhöhung stammt (BFH, Az.: IX R 100/9 v. 19.12.00). Das Halbeinkünfteverfahren betreffe Bezugsrechte nicht, sagt das BMF. Wie Kauf und Ausübung sowie der Handel mit den auf Grund des Bezugsrechts erlangten jungen Aktien behandelt werden, soll ein BMF-Schreiben klären, das noch in Vorbereitung ist. Es müsse noch mit den obersten Finanzbehörden der Länder abgestimmt werden.

Wie bei jeder Therapie, so kann es auch bei dieser zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen. Wer jetzt hohe Spekulationsverluste anmeldet, setzt sich dem Verdacht aus, früher stillschweigend hohe Gewinne kassiert zu haben. Er sollte auf Nachfragen von Finanzbeamten gefasst sein.

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