Eigenheimzulage gezielter einsetzen
Aderlass der deutschen Städte stoppen

Die Flucht der Städter ins Umland nimmt zu. Folge: Viele Wohnungen stehen leer, und die sozielen Konflikte verschärfen sich. Wege aus diesem Dilemma suchten jetzt Architekten und Städteplaner in Königstein.

DÜSSELDORF. Demographen malen ein düsteres Bild von den deutschen Städten: Die Zahl der Einwohner sinkt von Jahr zu Jahr und die Bevölkerung wird immer älter. Folge: Nachts sind viele Städte wie ausgestorben, immer mehr Einzelhändler geben auf, Schulen und Kindergärten verwahrlosen. Allein die Ruhrgebietsstädte verlieren nach Ansicht von Experten bis 2015 zwischen 2,5 und 7,4 Prozent ihrer Bevölkerung. Insgesamt werden dies etwa 400 000 Menschen sein.

Als Ursache für diese Entwicklung gilt neben der sinkenden Geburtenrate vor allem die massive Abwanderung in die Umlandgemeinden. Hier sind die Immobilienpreise und Mieten niedrig, und die Wohn- bzw. Wohnumfeldqualität ist erheblich höher.

Die Folgen der Wanderungsbewegung sind dramatisch: Neben den ökologischen Schäden durch Pendlerströme führen sie zu einer Polarisierung der Sozialstruktur in den Städten. Da vor allem junge Familien mit Kindern ins Umland abwandern, nimmt gleichzeitig der Anteil der sozial schwächeren und älteren Bevölkerungsgruppen in den Städten relativ zu. Dies erläuterte Marie Therese Krings-Heckemeier, Geschäftsführerin des Berliner Wirtschaftsforschungsinstituts empirica auf dem 37. Königsteiner Gespräch zum Thema "Der Stellenwert des Wohneigentums im neuen Jahrzehnt". Neben dem Problem der sozialen Verwerfungen verlieren die Städte mit jedem abwandernden Einwohner auch Steuereinnahmen, während die finanzielle Leistungsfähigkeit der Umlandgemeinden wächst, ergänzte die Expertin.

Eigenheimzulage als Steuerungs-Instrument

Auf der Suche nach adäquaten Lösungen für das Abwanderungsproblem war sich die Expertenrunde in Königstein schnell einig. Frau Krings-Heckemeier forderte die Städte auf, für ein qualitativ verbessertes Wohnangebot für die potenziellen "Stadtflüchtlinge" zu sorgen. Zwar hätten die Städte in den letzten Jahren verstärkt Bauland für die Errichtung von Eigenheimen ausgewiesen, doch sei das Bauland - und damit Wohneigentum - in den Städten noch immer knapper und teurer als im konkurrierenden Umland.

Um hier einen Ausgleich zu schaffen, plädierte Folkert Kiepe, Beigeordneter des Deutschen Städtetages, Köln, für eine stärkere Förderung des Wohneigentums in den Städten und eine differenzierte Form der Eigenheimzulage. "Die derzeitige einheitliche Eigenheimzulage verstärkt die Abwanderungstendenz in Umland", zeigte sich Kiepe überzeugt. Mit der Eigenheimzulage fördere der Bund den Erwerb von Häusern in ganz Deutschland mit der gleichen Summe. Da aber Wohneigentum in der Stadt sehr viel teurer sei als im Umland, solle nach Ansicht von Kiepe der Erwerb von Wohneigentum in der Stadt auch höher bezuschusst werden. "Durch eine Umschichtung innerhalb der Eigenheimzulage könnte die Politik der Abwanderung aktiv entgegensteuern", unterstrich der Experte.

Neben der Einführung einer regionalen Komponente in der Wohnraumförderung setzte er sich, ebenso wie Frau Krings-Heckemeier, zudem für eine verbesserte Bestandsförderung ein. Dies habe auch kürzlich die Expertenkommission "Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Ländern" gefordert. Sie sei in ihrem Abschlussbericht zu dem Ergebnis gekommen, dass der derzeitige Wohnungsleerstand im wesentlichen durch die Abwanderung von Haushalten im Zuge der Wohneigentumsbildung in das benachbarte Umland verursacht würde. Dementsprechend habe sie für das Gebiet der neuen Länder eine Verdoppelung der Bestandsförderung und eine Halbierung der Neubauförderung auf neuem Bauland vorgeschlagen.

Entfernungspauschale fördert Abwanderung

Um die Stadt-Umland-Wanderung zu stoppen, sollte zudem die Grundsteuer reformiert werden, schlug Kiepe vor. Zwar können die Städte in ihren Bebauungsplänen neues Bauland zur Wohnbebauung ausweisen. Ob diese Flächen aber tatsächlich für eine Bebauung zur Verfügung stehen, darüber entscheiden die Eigentümer der Grundstücke. "Eine Reform der Grundsteuer muss also darauf abzielen, dass die neue Steuer nachhaltig zur Baulandmobilisierung beiträgt und das strukturelle Missverhältnis der Baulandpreise zwischen Stadt und ländlichem Umland korrigiert wird", sagte der Beigeordnete. Auch die völlig überhöhte Entfernungspauschale unterstütze seine Ansicht nach die Zersiedlung. "Je weiter die Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, um so höher fällt die steuerliche Entlastung aus. Ein ökologisch und verkehrspolitisch wenig wünschenswertes Ergebnis", stellte Kiepe fest. Belohnt werde der Pendler aus dem Umland, wogegen die Eigentümer und Mieter in den Kernstädten keinerlei Subventionen bekämen.

Planer und Architekten, die die Städte von morgen gestalten, sollten zudem mehr Rücksicht auf die neuen Wohnbedürfnisse nehmen, mahnte Walter Prigge, stellvertretender Direktor der Bauhausstiftung Dessau. Hierzu gehörten die Tendenz zum kleinen Apartment als urbane Station, die Tendenz zum Service-Wohnen und die Tendenz der Verbindung von Wohnen und Arbeiten. Zudem glaube er nicht, dass die deutschen Städte zur "Heimat der Armen, Alten und Ausländer" verkümmerten. Er sei vielmehr überzeugt, dass die steigenden Mieten und Preise in den Innenstädten in absehbarer Zeit nur noch von wenigen bezahlt werden könnten. Prigge: "Bald haben wir in den deutschen Städten eine ähnliche Situation wie in New York. Wohnraum in Manhattan kann sich heute kaum noch jemand leisten - es sei denn, er ist gut betucht."

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