Eigentümer erwarten Renditesprung
Neuer Gerling-Chef Focke kennt kein Tabu

Durch die traditionsbeladenen Flure des Kölner Gerling-Konzerns weht seit Jahresbeginn frischer Wind. Der neue Konzernchef Heinrich Focke durchforstet alles. Sein Vorgänger, Jürgen Zech, galt als Zauderer. Die Eigentümer, Rolf Gerling und Deutsche Bank, wollen schnell bessere Resultate sehen.

KÖLN. In den zwei bis drei Jahren entscheidet sich die Zukunft des Kölner Gerling-Konzerns. "Alle vier Kernbereiche stehen auf dem Prüfstand", sagt Heinrich Focke, seit Jahresanfang neuer Vorstandschef der Gerling-Konzern Versicherungs-Beteiligungs-AG (GKB). Dazu hat der 49-jährige Familienvater seine Führungskräfte mit dem Projekt "Aufbruch" beauftragt. Der begeisterte Skifahrer erwartet innerhalb von zehn Wochen klare Empfehlungen, wie der Konzern seine Erfolgskriterien erfüllen kann.

Als Ziel gibt Focke eine Eigenkapitalrendite von 15 % nach Steuern und eine Schaden-Kosten-Quote von 103 % der Nettobeiträge vor. Und das für jeden der einzelnen Kernbereiche: Firmen und Privat-, Industriegeschäft, Rück- und Kreditversicherung. Sprich von einem Euro Beitrag dürften nicht mehr als 1,03 Euro für Schäden und Kosten ausgegeben werden. Im Geschäftsjahr 2000 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) verfehlte sowohl der Industrie- (122 %) wie der Rückversicherungsbereich (112 %) diese neue Zielvorgabe bei weitem. Höhere Ausgaben als (Beitrags)-Einnahmen sind bei Versicherern aber nichts Ungewöhnliches, weil sie mit den Beiträgen zwischenzeitlich enorme Kapitalerträge erzielen. Manche Versicherer verstehen sich gar als Kapitalanleger mit angeschlossenem Versicherungsbetrieb.

Für Focke bleibt die Kapitalanlage indes das klassische "Abfallprodukt" des Versicherungsgeschäfts. Wettbewerber, wie Allianz, Axa und Zurich, sehen dies anders. Sie zählen die Vermögensanlage zu ihrem Kerngeschäft. Dagegen kann Focke sich vorstellen, Teile des Anlagemanagement in die Hände von externen Spezialisten zu legen. Gleiches gelte für die Datenverarbeitung. Hier könne durchaus mit Partnern zusammengearbeitet werden.

Auch im Vertrieb zeigt er sich offen für Kooperationen. Focke: "Der Alleinanspruch verbietet sich im Vertrieb heutzutage." Die Offenheit für konzernfremde Produkte ist in der Assekuranz erst allmählich im Kommen. Axa und Ergo haben ähnliche Pläne.

Der neue Gerling-Chef fokussiert sein Haus auf das angestammte Risikogeschäft. Im deutschen Industriegeschäft rangieren die Kölner hinter der Allianz auf Platz zwei. "Wir wollen unsere Größe zur Stärke machen", fordert Focke. Das traditionsreiche Familien-Unternehmen müsse sein weltweit geachtetes Know-how als Industrieversicherer effizienter einsetzen.

In den vergangenen Jahren war Gerling wenig profitabel. Die Eigenkapitalrendite lag 2000 bei gut acht Prozent. Dies stört vor allem die Deutsche Bank, welche ihre 30-Prozent-Beteiligung an der GKB unzureichend verzinst sieht. Gründerenkel Rolf Gerling besitzt die restlichen Anteile am Konzern, den er von seiner Wahlheimat Zürich aus kontrolliert. Er pflegt die Distanz zum operativen Geschäft. Das Management schätzt den Freiraum. Fockes Vorgänger, Jürgen Zech, wird nachgesagt, er habe die Zügel zu locker gelassen. Nötige Einschnitte seien nicht erfolgt. Ende 2001 ist Zech abgelöst worden - ein Jahr früher als vertraglich vorgesehen.

Das Jahr 2001 lief für die Gerling- Eigner extrem schlecht: Beim Sachversicherer GKA, vor allem aber bei der Rückversicherung GKG reichten die Kapitalerträge nicht aus, um die Verluste im Versicherungsgeschäft auszugleichen. Dies ist in der Versicherungswirtschaft äußerst selten der Fall.

Maßgeblich dafür sind bei nahezu allen internationalen Rückversicherern die teuren Schäden infolge der Terroranschläge am 11. September in den USA. Gerling rechnet mit einer Nettobelastung in Höhe von 270 Mill. Euro, d.h. nach Abzug der zu erwartenden Erstattung aus eigenen Rückversicherungspolicen. Dies entspricht etwa 6 % der Jahresprämie der Rückgruppe, dem umsatzstärksten Geschäftsfeld des Konzerns.

Zwei Tage nach Weihnachten überwies Rolf Gerling daher 560 Mill. DM nach Köln und die Deutsche Bank 240 Mill. DM. Focke, der Rolf Gerlings Liebe zur Schweiz teilt, wertet dies als "klaren Vertrauensbeweis" der Eigentümer. Gleichwohl ist er sich bewusst, dass diese im Gegenzug einen deutlichen Renditesprung erwarten. Dafür geben sie Focke maximal drei Jahre - wenig Zeit für das langfristig angelegte Versicherungsgeschäft. Innerhalb dieser Frist erwarten die Eigentümer eine "klare Wertsteigerung" des Unternehmens. Danach würden sie über ihr weiteres Engagement entscheiden - unter anderem über den verschoben Börsengang.

Erste Richtungsentscheidungen erwartet Focke bis Anfang April. Danach will er entscheiden, welchen Geschäftsfeldern die Holding ihr Eigenkapital anvertraut. Die Mitarbeiter scheinen überzeugt zu sein, dass Focke Entscheidungen energischer umsetzt als sein Vorgänger.

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