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Ein Bauern-Lobbyist geht von Bord

ap BERLIN. Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke hatte bis zuletzt gehofft, den BSE-Skandal im Amt durchzustehen. Schon einmal hatte er die politischen Beben um eine andere Tierkrankheit heil überstanden. Im Zusammenhang mit der Schweinepest war er im Frühjahr 1994 als Landwirtschaftsminister in Niedersachen unter Druck geraten. Doch nach dem Rücktritt von Gesundheitsministerin Andrea Fischer war auch der SPD-Politiker nicht mehr zu halten.

In der BSE-Krise versuchte sich Funke rasch als beherzter Verbraucherschützer zu präsentieren, nachdem er bis zum Auftauchen des ersten deutschen BSE-Kuh am 24. November 2000 Deutschland immer wieder als BSE-frei bezeichnet hatte. Dabei hatte sich, wie sich später herausstellte, sein Ministerium schon seit April Gedanken für den Ernstfall gemacht und einen Krisenplan für den ersten deutschen Fall von Rinderwahn erarbeitet.

Funke musste auch mit ansehen, wie sein Staatssekretär Martin Wille in der BSE-Krise die Eigeninitiative ergriff und rasch Positionen einnahm, die Funkes eigenen Standpunkt weit überholten. So stellte Wille ein Programm für eine grundlegende ökologische Wende in der Landwirtschaft vor, während Funke sich lediglich eine "gläserne Produktion" wünschte und die traditionelle Landwirtschaft weiter hoch hielt.



Ministerielle Reimkünste stießen auf Verwunderung



Der SPD-Politiker pflegte langwierige politische Sitzungen mit Dichtkunst zu vertreiben. Er spitzte den Griffel und reimte mit wunderbarer Handschrift Zeilen zum Rinderwahn anlässlich der Tagung der Europäischen Agrarminister: "Es tagt der Rat zu Fleisch und Rind - zum Schutz von Mann und Frau und Kind." Auf der Internetseite seines Ministeriums veröffentlicht, stießen die Reime angesichts einer besorgten Öffentlichkeit auf Verwunderung.

Der Liebhaber guter Zigarren und schöner Verse wurde am 29. April 1946 in Dangast bei Oldenburg geboren. Er studierte Agrarwirtschaft und-politik an der Universität Hamburg. 1972 machte er Examen als Diplom-Handelslehrer. Danach war Funke an der Berufsbildenden Schule in Varel und als Landwirt im elterlichen Betrieb tätig.

Bereits 1964 trat er in die SPD ein. Funke wurde 1972 Ratsherr in Varel und Kreistagsabgeordneter seiner Partei im Landkreis Friesland. 1981 wurde er Bürgermeisters von Varel. In den niedersächsischen Landtag wurde er erstmals 1978 gewählt. Ministerpräsident Gerhard Schröder holte Funke im Juni 1990 als Landwirtschaftsminister in sein Kabinett.

Populär machten ihn verschiedene Gesetzesinitiativen gegen die Massentierhaltung. Weil der Eiergroßproduzent Anton Pohlmann mehr als 100 000 kranke Hennen qualvoll zu Tode brachte, setzte Funke 1994 de facto ein Berufsverbot gegen den "Hühnerbaron" durch. Unter Betrugsverdacht geriet Funke im Dezember 1994 wegen einer manipulierten Spesenrechnung. Bis zur Einstellung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen blieb er beurlaubt.

Nach der Bundestagswahl im Herbst 1998, aus der die SPD und ihr Kanzlerkandidat Schröder als eindeutige Wahlsieger hervorgingen, wechselte Funke als Landwirtschaftsminister von Hannover nach Bonn in die erste rot-grüne Bundesregierung. Die Presse stellte den Schröder-Vertrauten und neuen Bundeslandwirtschaftsminister als populären Politiker vor, der die Sprache der Bauern spreche und die Denkweisen und Strukturen im Bauernverband sowie die der Agrarbürokratie in Brüssel wie kaum ein anderer kenne.

Isoliert war Funke im November 1998, als die Agrarminister der EU in Brüssel den Weg freimachten für eine Aufhebung des Rindfleisch-Embargos gegen Großbritannien. Während sich zehn der 15 Landwirtschaftsminister für die Beendigung des Ausfuhrverbotes aussprachen, stimmte Funke für Deutschland als einziges Land dagegen. Er begründete die Entscheidung mit dem Hinweis, dass "Verbraucher- und Gesundheitsschutz an die erste Stelle" gehören. Auch im BSE-Skandal versuchte sich Funke in dieser Rolle. Doch sein gleichzeitiges Eintreten für die konventionelle Landwirtschaft brachte ihn in eine politische Schieflage, die schließlich das Ende seiner Ministerkarriere bedeutete.



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