Ein Blick zurück in die Fußball-Pionierzeit
Wenn vor dem Anpfiff des Finales der Ball fehlt...

Vor dem Anpfiff herrschte hektische Betriebsamkeit. Der Schiedsrichter überprüfte die Absperrtaue, markierte den Strafraum und die äußeren Spielfeldbegrenzungen mit Sägemehl und reichte einen Teller herum, auf dem das Eintrittsgeld der Zuschauer klimperte. Ein Trampelpfad kreuzte das Rasenrechteck. Kassenhäuschen und Tribünen gab es nicht, Umkleidekabinen waren unbezahlbarer Luxus.

HAMBURG. Immerhin spannten sich bereits hinter den Torstangen sorgfältig geknüpfte Netze. Als die Mannschaften endlich das Spielfeld betraten, fehlte nicht nur eine imposante Kulisse, sondern auch ein intaktes Spielgerät. Es dauerte eine halbe Stunde, bis ein neuer Ball herbeigeschafft und aufgepumpt war.

Die skurrilen Szenen aus der Pionierzeit des deutschen Fußballs ereigneten sich nicht bei der Austragung eines x-beliebigen Matches zwischen zwei Dorfmannschaften, sondern in den Stunden vor dem ersten Endspiel zur Deutschen Fußballmeisterschaft. Bis zur Einführung der Bundesliga in der Saison 1963/64 wurde der Meister in einem klassischen Finale ermittelt. Die Gegner am Pfingstsonntag 1903 hießen Deutscher Fußball-Club (DFC) Prag und VfB Leipzig.

Der Verein für Bewegungsspiele war in den Anfangsjahren des 1900 gegründeten Deutschen Fußball- Bundes (DFB) ein sächsischer Vorläufer des FC Bayern: Die Sachsen holten auch 1906 und 1913 die Meisterschaftstrophäe "Viktoria" und standen 1911 und 1914 im Finale. Dass der Kontrahent aus Prag kam, das nicht zum Deutschen Reich gehörte, hatte einen sportpolitischen Hintergrund: Um möglichst viele Mitglieder zu gewinnen, lockte der DFB auch deutsche Klubs aus Österreich und Böhmen unter sein Dach. Der DFC hatte sich als Meister des "Verbandes der Prager deutschen Fußballvereine" für die Endrunde qualifiziert. Nur sechs von 28 dem DFB angeschlossenen Fußballverbände hatten ihren Champion gemeldet. Die Kosten für Anreise und Übernachtung überstiegen den schmalen Etat der meisten Verbände.

Schon dem ersten Finale war eine umstrittene Entscheidung am grünen DFB-Tisch vorausgegangen: Nachdem sich der VfB Leipzig im Halbfinale vor heimischer Kulisse mit 6:3 gegen die "ganz famose, schnelle und schussgewaltige Elf" von Altona 93 durchgesetzt hatte, musste der zweite Finalteilnehmer zwischen Prag und dem klaren Favoriten Karlsruhe ermittelt werden.

Auch dieses zweite Semifinale sollte nach einigem Hin und Her in der Sachsenmetropole stattfinden. Die Karlsruher hatten sich kurz vor der Abfahrt nach Leipzig in der Junggesellenbude ihres Kapitäns Hans Ruzek versammelt, um gemeinsam das Ticket für die Holzklasse der Eisenbahn zu lösen, da flatterte ein Telegramm ins Haus: "Meisterschaftsspiel verlegt. DFB". Die Akteure zweifelten nicht an der Echtheit der Depesche - schon zweimal war das Spiel wegen organisatorischer Probleme verlegt worden. Erst am nächsten Morgen flog der Schwindel auf. Der DFB erklärte den DFC zum Sieger. Denn "das Telegramm hätte Bedenken auslösen und zu einer fernmündlichen Rückfrage anregen müssen." Somit stand der bunte Haufen aus Prager Lehrlingen, Studenten und Kaufleuten im ersten Endspiel zur Deutschen Fußballmeisterschaft in Altona, das damals noch nicht zu Hamburg sondern zu Preußen gehörte. Der dortige Exerzierplatz war, so der Fußballhistoriker Andreas Meyer, das "frühe Mekka des Hamburger Fußballs".

Der spätere Nationalspieler Ernst Eikhof (SC Victoria) erlebte als kleiner Junge an der Hand seines Vaters das Endspiel. Er erinnerte sich später an die Pionierzeit des Fußballs: "Der Platz war durch besenstilartige Hölzer, die mit Bindfäden verbunden waren, abgetrennt. Es mögen wohl etwa 800 Zuschauer anwesend gewesen sein."

Nach der Panne mit dem Ball erfolgte der Anstoß um 16.45 Uhr. "Prag hatte Wahl und zog es vor, mit Sonne und Wind im Rücken zu spielen", steht in der Festschrift zum 25. DFB-Jubiläum. Die stürmischen Studenten aus der goldenen Stadt begannen in "scharfem Tempo" und gingen schnell in Führung: "Von einem Gedränge vor dem Tor aus konnte Prag um 17.07 Uhr zum ersten Mal einsenden, und lauter Jubel seiner wenigen Anhänger belohnte diesen Erfolg."

Besonders bei der Schilderung des Leipziger Ausgleichs wird deutlich, dass der offizielle Bericht mit Anglizismen und Begriffen aus dem Rugby gespickt war: "Schließlich gelingt es dem Leipziger Centerhalf, durch einen scharfen Schuss das ausgleichende Goal zu erzielen. Bis Halftime ändert sich an diesem Resultat nichts." Nach dem Wiederanpfiff "trat aber der totale Zusammenbruch der Prager Mannschaft unhaltbar ein. Selbst die unfaire Spielweise des Herrn Robitschek vom DFC konnte die Durchbrüche der Leipziger nicht verhindern." Kurz vor Ende setzte der Leipziger Riso mit dem 7:2 den Schlusspunkt.

Das Prager Team setzte sich mehrheitlich aus Studenten zusammen. Und die hatten, so wurde gemunkelt, ihre Kräfte bei einer Spritztour über die Reeperbahn gelassen. Der strenge DFB-Beobachter ließ in seinem Spielbericht kaum ein gutes Haar an den Leistungen der fröhlichen, aber konditionsschwachen Wissenschaftler: "Die Mannschaft rechtfertigte keinesfalls Loblieder, welche man dieser Mannschaft in der deutschen Presse Prags singt. Die Stürmerreihe war durchaus nicht auf der Höhe."

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