Ein gefallener New Economy-Star rechnet ab
Nachhilfe in Sachen Börsengang

Andreas Lindenberg, Mitbegründer und ehemaliger Vorstand der WWL Internet AG ist nicht als erster darauf gekommen, über seinen "Albtraum Neuer Markt" zu schreiben. Zur Zeit haben Abrechnungen gefallener New Economy-Millionäre Konjunktur. Doch Lindenbergs ist anders.

Die Nürnberger WWL Internet AG hat eine klassische New Economy-Karriere hinter sich: Idealistische Gründer eines Internet-Dienstleisters gehen 1999 an die Börse. Auf Kursexplosionen und hochfliegende Expansionspläne folgen Ernüchterung und tiefer Fall. Von einem einmaligen Allzeithoch bei mehr als 60 Euro stürzt die WWL-Aktie zeitweise auf 0,90 Euro. Heute hat sich der Kurs bei rund 1,50 stabilisiert. Nach radikalen Sparmaßnahmen hofft das Unternehmen auf schwarze Zahlen im zweiten Quartal 2002.

Andere Gestrauchelte der New Economy haben die Schuldigen schnell ausgemacht: Banken, Berater und nicht zuletzt der euphorische Markt - kurz: Alle, nur nicht sie selbst. So leicht macht es sich WWL-Mitbegründer Andreas Lindenberg nicht. In seinem Buch "Albtraum neuer Markt" sieht er die Führungspitze seines Unternehmens ganz oben auf der Schuldigenliste. "Selbstbedienungsmentalität" lautet sein Urteil.

"Die unternehmerischen Fehlentscheidungen bei der WWL waren sicher nicht kostspieliger als in jedem anderen Unternehmen auch. Schlimmer war die Einstellung zu dem Umgang mit Geld so mancher Inhaber von Schlüsselpositionen." Dieses Fazit belegt das heute WWL-Aufsichtsratsmitglied Lindenberg mit Details über unnötige Flüge, teure Dienstwagen und inflationäre Schaffung neuer Posten.

Im nachhinein ist man immer klüger

Seine 280 Buchseiten füllende Abrechnung ist dennoch eher Lehrbuch als Rache. Es beginnt mit der Geburt des Internets und endet mit einem Glossar für wichtige Börsen-Begriffe. Stück für Stück erzählt er dazwischen die Geschichte der WWL - mit allen Alarmsignalen, die ihm erst im nachhinein bewusst wurden. Jeder Schritt der Chronologie ist akribisch belegt - mit Daten, gesetzlichen Vorschriften, Vergleichsfällen. Statt "Albtraum Neuer Markt" hätte es auch "Ein mal eins des Börsengangs" heißen können.

Sensationslüsterne kommen da kaum auf ihre Kosten. ?Reißerischer? als im Titel "Albtraum Neuer Markt" wird Lindenberg nie. Er nennt keine Namen, sondern belässt es bei Funktionen. Er analysiert ausführlich und so nüchtern wie es einem eben möglich ist, der live dabei war.

Der Blick hinter die Kulissen von Unternehmern, Banken und Investoren lohnt sich trotzdem - vor allem für die, die den Gang an die Börse planen - und Anleger. Vielleicht sind Lindenbergs Erfahrungen für sie ja eine Nachhilfe in Sachen Börsengang.



Schreiben Sie der Autorin: c.woellner@vhb.de

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