Archiv
Ein Gehaltsverzicht der Belegschaft braucht faire Spielregeln

Betriebliche Beschäftigungsbündnisse müssen aus der rechtlichen Grauzone geholt werden

HB DÜSSELDORF. Es liegt auf der Hand, dass sich die Beschäftigten des Computerherstellers Hewlett-Packard gehörig hintergangen fühlen. Erst ruft das Management zum Gehaltsverzicht als Maßnahme gegen den Stellenabbau auf. Und kaum hat die Belegschaft zugestimmt, da stehen weltweit 6 000 Arbeitsplätze auf der Abschussliste. So als habe es das Sanierungsopfer der Mitarbeiter nie gegeben, verkündet HP-Chefin Charly Fiorina ungerührt ihr Sparprogramm.

Noch ist nicht raus, wie viele von den 6 000 Jobs in Deutschland abgebaut werden. Doch seit Freitag kennen die Beschäftigten kaum ein anderes Thema als die Angst vor der Entlassung. Wohlgemerkt: Erst wenige Tage zuvor haben dieselben Leute zu Gunsten ihres Arbeitgebers auf 10 % des Gehalts verzichtet. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, was das für Folgen hat. HP wird denen Auftrieb geben, die betriebliche Bündnisse für Arbeit schon immer als Maskerade zur Lohndrückerei abgekanzelt haben. Der Computerkonzern mit dem angeblich besonders offenen und familiären Arbeitsklima liefert ihnen den Beweis, dass die Zugeständnisse der Beschäftigten eben doch nicht honoriert werden - im Gegensatz zu den Erwartungen der Börse.

In der Tat müssen die HP-Beschäftigten jetzt dafür bezahlen, dass sich ihre Chefin Fiorina weit aus dem Fenster gelehnt hat. 15 Prozent Wachstum hatte sie versprochen, als andere Technologieunternehmen schon längst vorsichtig geworden waren. Jetzt hat die Konjunkturflaute auch HP erwischt. Der Umsatz ist eingebrochen, die Ertragskurve weist deutlich nach unten. Noch schreibt der Konzern zwar keine roten Zahlen. Doch natürlich muss das Management entschieden gegensteuern, um Schlimmeres zu verhindern.

Das schließt zur Not auch den Stellenabbau ein. Wer aber auf ein freiwilliges Sanierungsopfer seiner Beschäftigten setzt, der sollte Arbeitsplatzverluste wirklich als Ultima Ratio begreifen. So gesehen hat Fiorina die 6 000 Jobs selbst nach US-Maßstäben reichlich schnell für überflüssig erklärt.

Was lehrt der Fall HP? Gehaltsverzicht braucht klare Regeln, damit er den Betroffenen gegenüber fair verläuft. Hier sind zunächst die Tarifparteien gefragt. Sie müssen betriebliche Bündnisse nach dem Muster Lohnopfer gegen Arbeitsplatzgarantie endlich aus der Grauzone herausholen. Doch die Gewerkschaften sperren sich. Sie fürchten einen Machtverlust und berufen sich auf das Günstigkeitsprinzip im Tarifvertragsgesetz. Es verbietet der Belegschaft tarifgebundener Unternehmen, mit dem Management Abschläge beim Gehalt gegen sichere Jobs einzutauschen. Diese Vorschrift sollte einst dem Schutz der Arbeitnehmer dienen, doch heute wird sie oft genug zum Bumerang. Denn die betrieblichen Bündnisse finden nun außerhalb des Tarifsystems statt. Dort, wo es keine Regeln gibt - siehe HP.

Der Gesetzgeber muss das Günstigkeitsprinzip für Gehaltsverzichte öffnen, damit diese innerhalb des Reglements der Tarifverträge möglich sind. Für die Gewerkschaften ist HP also kein Anlass, sich in Entrüstung zurückzulehnen. Sie sollten vielmehr zu fairen und transparenten Spielregeln beitragen, wenn Beschäftigte in Sorge um ihren Arbeitsplatz einem Gehaltsverzicht zustimmen. Angesichts der drohenden Entlassungen in vielen Hochtechnologie-Unternehmen könnte es noch wichtig werden, die betrieblichen Bündnisse für Arbeit aus ihrem Schattendasein herauszuholen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%