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Ein Gipfel der Körpersprache

Der Brüsseler Krisengipfel brachte nicht nur Streit um den künftigen EU-Haushalt. Er heizte auch persönliche Animositäten an, die nichts Gutes für Europas politische Klasse verheißen.

Der Brüsseler Krisengipfel brachte nicht nur Streit um den künftigen EU-Haushalt. Er heizte auch persönliche Animositäten an, die nichts Gutes für Europas politische Klasse verheißen. Die Ab- und Zuneigung der 25 Staats- und Regierungschefs ging so weit, dass sie oft körperlich spürbar und sogar aus der Ferne erkennbar war.

Besonders aufschlußreich waren die Vorgänge auf der Dachterrasse im 7. Stock des Brüsseler Ratsgebäudes. Normalerweise wird sie nicht genutzt - oder höchstens, um mal eben frische Luft zu schnappen. Diesmal aber nahmen der britische Premier Blair und der italienische Regierungchef Berlusconi ausgiebige Sonnenbäder. Blair saß lange zusammen mit Berlusconi auf dem Dach - offenbar verstehen sich die beiden glänzend. Der niederländische Premier Balkenende kam zwar auch auf die Terrasse, saß aber meist allein in seiner Ecke. Er hat sich nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum in Holland isoliert.

Interessant sind auch die "Fälle" Schröder und Chirac. Der Bundeskanzler vermied es, Blair spontan zu treffen - offenbar hatte es schon beim Vorgipfeltreffen in Berlin Ärger gegeben. Chirac hingegen zog es in Schröders Hotel "Amigo", wo die beiden offenbar die deutsch-französische Freundschaft pflegten. Chirac gab außerdem eine Pressekonferenz im "Amigo" - offenbar, um Blairs Attacken auf die französische Agrarpolitik abzuwehren.

Der von vielen erwartete "Showdown" zwischen Chirac und Blair blieb hingegen aus. Wenn sie sich mal kurz sahen, dann nur, um Höflichkeitsfloskeln auszutauschen. Blair lächelte auch, wie er es immer tut - doch sein Blick wich Chirac aus, um schnelles Entkommen zu ermöglichen. Blair habe den ganzen Tag wie aufgeputscht gewirkt, sagen Gipfel-Teilnehmer - Chirac hingegen wie unter Beruhigungsmitteln.

Der Vermittler Juncker wirkte am Ende nur noch genervt. Bisher galt er als "Magier", der selbst hoffnungslose Verhandlungen rettet - und als leidenschaftlicher Europäer. Nach dem Scheitern am frühen Samstag morgen war die Magie verschwunden, und Junckers Europabegeisterung hatte einen Knacks erhalten.

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