Ein Graben geht durch die israelische Gesellschaft
Die Intifada und der Mut der Verweigerung

Als David Zonshein Anfang des Jahres drei Wochen Militärdienst in den von Israel besetzten Gebieten abgeleistet hatte, wusste er noch nicht, dass er eine neue Bewegung ins Leben rufen würde, die ihn einsam machen könnte und eine Kluft durch die israelische Gesellschaft schlagen würde. Er wusste nur eins: Als dekorierter Offizier und Enkel von Überlebenden des Holocausts konnte er keinen einzigen Tag mehr in den palästinensischen Gebieten Dienst tun.

WiWo/ap TEL AVIV. "Als Jude kann ich nicht die Dinge tun, die von mir als Reservist erwartet werden. Auch wenn die ganze Welt um mich herum zusammenbricht, werde ich nie wieder in ein palästinensisches Haus eindringen und den Familienvater vor seinen Kindern verhören und demütigen", sagte Zonshein in einem Interview. Als der 29-jährige Software-Ingenieur Ende Januar seine Reservistenzeit im Gazastreifen beendet hatte, teilte er seinen Vorgesetzen seinen Entschluss mit. Dann veröffentlichte er zusammen mit einem Freund im Internet einen anonymen Brief, in dem sie schworen, nie mehr an einer Besetzung teilzunehmen.

"Wir waren so wütend und so traumatisiert von dem, was wir im Gazastreifen gesehen hatten, dass wir beschlossen, einen Brief zu schreiben", erzählt Zonshein weiter. "Wir kamen überein, mit unseren vollen Namen zu unterschreiben, sobald sich uns zehn weitere Offiziere angeschlossen hätten. Ein Freund prophezeite uns, dass das niemals geschehen werde, aber ich wusste, dass, wenn jemand wie ich so fühlen konnte, es noch Hunderte anderer geben musste."

Er behielt recht. Innerhalb einer Woche bekamen die Freunde 50 weitere Antworten von Offizieren und "Mut zur Verweigerung" war geboren. Sie taten den nächsten Schritt und veröffentlichten den Brief in der Presse, und nur zwei Wochen später war ihre Gruppe auf 200 Gleichgesinnte angewachsen.

Das ist dreieinhalb Monate her. Inzwischen zählt ihre Gruppe 460 Mitglieder. Die Initiative brachte ihnen Freunde und Feinde und offenbarte einen tiefen Graben in der israelischen Gesellschaft. Die "Refuseniks", wie sie jetzt in Anlehnung an die oppositionellen und ausreisewilligen sowjetischen Juden der 70er und 80er Jahre genannt wurden, trafen die israelische Gesellschaft im Herzen ihres Selbstverständnisses und brachen ein Tabu.

Viele Israelis sehen die Verweigererbewegung als eine Gefahr für die Moral der Truppe zu einer Zeit, in der diese ihre schwerste Schlacht seit Jahrzehnten schlägt, gegen palästinensische Aktivisten, die reihenweise Anschläge auf Israel verübt haben. Die Streitkräfte erklärten, Verweigerer würden eingesperrt, und in den letzten Monaten haben 80 von ihnen Strafen in Militärgefängnissen abgesessen. Rund 200 linientreue Reserveoffiziere veröffentlichten einen Gegenbrief, in dem sie die Verweigerung als "gefährlich und undemokratisch" brandmarkten.

Wiederbelebung der Friedensbewegung

Aber die Verweigerer trugen zur Wiederbelebung der in Agonie liegenden israelischen Friedensbewegung bei. "Unser Lager brach zusammen, weil es zu sehr mit dem Friedensprozess identifiziert wurde, der nun in Misskredit geraten ist", sagt der Sprecher von "Frieden jetzt", Didi Remez. "Wir brauchten Zeit, um uns neu zu gruppieren und wieder aufzubauen, und die Reservisten gaben uns den Anstoß, den wir brauchten."

Aber viele der Reservisten bezahlten einen hohen Preis für ihren Bekennermut. "Viele meiner Verwandten sind religiös und leben in Siedlungen im Westjordanland und Gazastreifen", sagt Zonshein. "Sie haben mir das sehr übelgenommen und sprechen nicht mehr mit mir". Dabei sind die meisten "Refuseniks" keine Pazifisten und lehnen den Dienst mit der Waffe nicht grundsätzlich ab. Sie sind bereit, in Israel selbst als Reservisten Dienst zu tun und weigern sich nur, in die besetzten Gebiete zu gehen. "Ich diene 40 Tage jährlich und ich bin bereit, auch 80 Tage zu dienen, überall da, wo ich zur Verteidigung Israels gebraucht werde, aber niemals wieder in den besetzten Gebieten", erklärt Zonshein.

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