Ein Jahr nach dem Börsengang
AWD will in Europa weiter expandieren

Ein Jahr nach seinem Börsengang hat der Finanzdienstleister AWD Holding AG seine seit längerem angekündigte Expansion mit dem Einstieg in Großbritannien begonnen. Für knapp 100 Mill. DM hat AWD den britischen Finanzdienstleister Thomson's gekauft.

Reuters HANNOVER. Diesem Schritt sollen weitere in anderen Ländern folgen. "Wir werden in den nächsten Jahren Zug um Zug unser Netzwerk in Europa erweitern und zu einem europäischen Finanzdienstleister werden", sagte AWD-Chef Carsten Maschmeyer am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Die nächste Entscheidung könne schon im Winter fallen. Gespräche gebe es unter anderem in Spanien und Italien. Die Preisvorstellungen der Partner seien aber noch zu hoch. Dagegen erklärte Maschmeyer den geplanten Erwerb der Deutsche Bank-Tochter Bonnfinanz AG vorerst für gescheitert.

An der Börse zog die im MDax notierte AWD-Aktie zunächst um mehrere Prozentpunkte an, verlor dann bis zum Nachmittag aber um rund 5 % auf 28,60 Euro. In den vergangenen Monaten war über Zukäufe auf anderen Märkten spekuliert worden. Bislang ist AWD neben Deutschland nur mit einem Eigenvertrieb in Österreich und der Schweiz aktiv. Bei Analysten hieß es, das Scheitern des Bonnfinanz-Kaufs werde bei Anlegern kritisch gesehen und der Eintritt in den britischen Markt unterbewertet.

Maschmeyer sieht den Schritt nach Großbritannien als strategisch wichtig an. "Dies ist die bisher größte Akquisition des AWD. Großbritannien ist der am weitesten entwickelte Finanzdienstleistungsmarkt. Thomson's ist hochprofitabel und arbeitet sehr professionell", sagte der AWD-Chef. Der Pro-Kopf-Umsatz der Berater liege mit 450 000 DM deutlich über dem des AWD von etwa 270 000 DM.

Konkrete Partner im Auge

"Thomson's wird weitere Finanzdienstleister hinzugewinnen, um zu einem der drei großen Anbieter in Großbritannien zu werden." AWD stelle hierfür Mittel etwa in Höhe des aktuellen Kaufpreises zur Verfügung. Thomson's habe konkrete Partner im Auge. Bislang ist das Unternehmen im britischen Markt die Nummer zehn mit 63 Mill. DM Umsatz bei 25 000 Kunden und 140 Beratern. Bis 2005 soll der Umsatz auf 150 Mill. DM und die Zahl der Berater auf 300 steigen, rund zur Hälfte durch Zukäufe.

Der Kaufpreis wird laut Finanzvorstand Ralf Brammer zu 95 Prozent in bar, davon teilweise gestaffelt in Abhängigkeit der Erträge der nächsten drei Jahre gezahlt. Rund 4,5 Mill. DM fließen in Form von 75 000 AWD-Aktien an das Management, das bisher knapp die Hälfte der Unternehmensanteile hielt. Nach den Worten Brammers soll der Kauf zum 1. Oktober wirksam werden und bereits für 2001 erste Ergebnisbeiträge für AWD liefern. Das operative Ergebnis von Thomson's, das in den vergangenen Jahren um durchschnittlich 50 % gewachsen sei, werde in diesem Jahr 5,7 Mill. DM betragen.

AWD hatte mit seinem Börsengang im Vorjahr gut eine Milliarde DM eingenommen und wiederholt Expansionen angekündigt. Nach den bisherigen Plänen sollen sich der Konzernumsatz von 670 Mill. DM und das operative Ergebnis von 97 Mill. DM im vorigen Jahr bis Ende 2003 jeweils verdoppeln. "Wir kaufen aber nicht um jeden Preis und verbrennen kein Geld", sagte Brammer. "Unsere Strategie ist nicht allein Größe. Jeder Zukauf muss sich selbst tragen." Das Ziel ist nach den Worten Maschmeyers gleichwohl, innerhalb weniger Jahre in den meisten europäischen Ländern zu einem der führenden unabhängigen Finanzdienstleister zu werden. "Wir kommen künftig nicht mehr aus Deutschland, sondern aus Europa."

Wunschpartner in Deutschland vergeben

"Im Winter werden wir das nächste Land angehen", sagte der AWD-Chef. Über Großbritannien hinaus seien in drei weiteren Ländern konkrete Gespräche geführt worden, darunter in Italien und Spanien. "Doch bislang liegen die Preisvorstellungen noch zu weit auseinander", sagte Maschmeyer. "Wir können uns deshalb auch vorstellen, selbst einen Vertrieb aufzubauen."

Im Kernmarkt Deutschland bleibt AWD der Wunschpartner zunächst versagt. Es sei davon auszugehen, dass die Bonnfinanz im Zuge des Austausches von Geschäftsbereichen zwischen Deutscher Bank und der Zurich Financial Services an den Schweizer Finanzkonzern gehe, sagte Maschmeyer. "Wir schauen uns deshalb in Deutschland konkret nach Alternativen um."

Analyst Hartmut Höhn von der Berenberg Bank hält die AWD-Strategie für überzeugend. "Der Schritt nach Großbritannien ist genial. Der Markt ist sehr ertragreich und noch nicht konsolidiert", sagte Höhn. Die aktuelle Kursentwicklung spiegele dies noch nicht wider. Mit den Spekulationen zu Bonnfinanz seien bei Anlegern andere Erwartungen geweckt worden.

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