Archiv
Ein Kampf um Leben und Tod - Moral in Amerika

Weinende Pfarrer knien auf dem Rasen, Frauen haben sich Tesa-Krepp mit der Aufschrift "Life" über den Mund geklebt: In Pinellas Park in Florida demonstrieren Menschen dafür, dass die Koma-Patientin Terri Schiavo weiter künstlich ernährt wird. Sie singen, sie skandieren, sie flehen.

Weinende Pfarrer knien auf dem Rasen, Frauen haben sich Tesa-Krepp mit der Aufschrift "Life" über den Mund geklebt: In Pinellas Park in Florida demonstrieren Menschen dafür, dass die Koma-Patientin Terri Schiavo weiter künstlich ernährt wird. Sie singen, sie skandieren, sie flehen. Der Ehemann von Terri, die seit 15 Jahren nur dank einer Magensonde am Leben erhalten wird, hat das "Ende der Qual" beantragt und von einem Gericht in Florida Recht bekommen. Die Eltern wollen hingegen ihre Tochter nicht verlieren, appellieren sogar an Präsident George W. Bush. 

Jetzt haben sich die Republikaner eingeschaltet, die in beiden Häusern des US-Kongresses über eine komfortable Mehrheit vertfügen. In einer Eil-Entscheidung hat sich der Senat dafür ausgesprochen, dass ein Bundesrichter den Fall prüfen und eine Verlängerung der künstlichen Ernährung anordnen soll. Das Repräsentantenhaus will spätestens am Montag nachziehen. Bush hat extra seinen Wochenend-Urlaub in Texas abgeb rochen, um das Gesetz in Windeseile zu unterzeichnen. 

Das Thema Sterbehilfe peitscht in den USA die Emotionen genauso hoch wie etwa die Kampagnen für und gegen Abtreibung. Bush hat im Wahlkampf 2004 mit seinem Feldzug gegen den Schwangerschaftsabbruch die Republikaner mobilisiert und auch in der Mitte entscheidende Stimmen gewonnen. Amerika ist im Kern konservativ: In der Clinton-Ära wurde dies durch den grandiosen Wirtschafts-Aufschwung im Windschatten des dotcom-Booms überdeckt. 

Die Nominierung des Hardliners Paul Wolfowitz zum Weltbank-Präsidenten hat die Europäer und Entwicklungsländer geschockt, den Durchschnitts-Amerikaner aber kalt gelassen. Die Weltbank ist für die meisten US-Bürger so interessant wie eine Kabinettskrise in Mazedonien. Der stellvertretende Verteidigungsminister, der nun der ganzen Welt beweisen will, dass er in Wahrheit ein verkappter Anti-Armuts-Apostel ist, muss nun aber mehr bringen als rhetorische Leuchtraketen. Die Exekutiv-Direktoren der Weltban k werden ihn jedoch bestätigen. Keiner will Zoff mit Bush. 

Saftigen Knatsch gibt's hingegen an der Handels-Front: Die transatlantischen Verhandlungen um die Abschaffung der Subventionen für Boeing und Airbus sind fast geplatzt. Ein Warnschuss der Amerikaner, die besorgt sind, ihre Vorherrschaft im Flugzeugbau zu verlieren. Der letzt Knall ist nicht der letzte. 

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%