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Ein Land von Trunkenbolden?

In den Amüsierbezirken vieler britischer Städte spielen sich an Wochenenden in der Stunde nach 23 Uhr unschöne Szenen ab.

In den Amüsierbezirken vieler britischer Städte spielen sich an Wochenenden in der Stunde nach 23 Uhr unschöne Szenen ab. Die Besucher aller Pubs strömen nach der gesetzlich verordneten "letzten Runde" auf einmal auf die Straße - das heißt, viele torkeln, denn die letzte Runde fällt oft sehr üppig aus, um den zu befürchtenden Mitternachtsdurst präventiv zu bekämpfen. Grölend zerstreut sich die Menge, hier und da fliegen die Fäuste, und manch einer übergibt sich unterwegs auf Gehwege und in Vorgärten. Immer wieder laufen im Fernsehen Reportagen, die die harten Nächte von Sanitätern und Polizisten im Kampf gegen die Folgen der Trunksucht zeigen.

Beim Thema "Binge Drinking" hat die viel gerühmte britische Toleranz und Liberalität ihre Grenzen und der Ruf nach dem bevormundenden Staat wird laut. Im Sommerloch entbrennt erneut eine leidenschaftliche Diskussion über ein Thema, in dem Ausländer eigentlich nur eine schrullige englische Tradition erblicken können: die Pub-Öffnungszeiten. Die Regierung will die strikte Regel lockern. Die Frist für Gastwirte, sich um Lizenzen für längeren Alkoholausschank zu bewerben, läuft seit Monaten und viele Gastwirte haben schon erweiterte Lizenzen erhalten. Am 24. November sollen die neuen Regeln in Kraft treten.

Doch nun nutzte eine Gruppe von Richtern die nachrichtenarme Zeit zu einem dramatischen Appell: Es sei ein Wahnsinn, angesichts der Alkohol-Probleme gerade junger Leute den Zugang zu Bier und Cider noch zu erleichtern. In den englischen Städten würden sich bald Szenen wie in berüchtigten Urlaubsorten am Mittelmeer abspielen, warnen sie. Dann seien die Innenstädte fest in der Hand von Trunkenbolde, die auf den Straßen die Nacht durchmachten, sich prügelten und gar öffentlich unzüchtige Handlungen miteinander begingen. Und das womöglich bald auch noch an Wochentagen. Konservative und liberaldemokratische Abgeordnete sprangen auf das Thema auf und wollen nun das Gesetz in letzter Minute stoppen oder wenigstens sein Inkrafttreten verzögern.

Dabei wollen Gegner und Befürworter eigentlich dasselbe: Das übermäßige Trinken und dessen Folgen eindämmen. Doch über den Weg dahin sind sie sich grundsätzlich uneinig. Während die Regierung glaubt, die Briten würden sich zu einer "kontinentalen Trinkkultur" bekehren lassen, wenn Ihnen nicht ständig die Zapfhahnsperre um 23 Uhr im Nacken sitzen würde, fürchten die Gegner nur noch schlimmere Alkohol-Exzesse, wenn die Sauftour kein geregeltes Ende mehr findet. Letztlich geht es also um die Frage: Trinken die Briten mehr, wenn sie länger trinken dürfen? Oder, allgemeiner formuliert: Vertrauen wir in die Eigenverantwortung unserer Bürger?


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