Ein Leidensbericht
Lust auf Qual

Treten Sie beim Marathon nie auf der Stelle, auch wenn es wehtut. Hilfreich sind dabei auch Vorstellungen, die einen beflügeln.

Ich rede darüber eigentlich nie, nicht mit meinen Lauffreunden, nicht mit mir selbst, nur manchmal mit meiner Frau. Denn der Marathon-Lauf tut ja meist ein bisschen weh, jenseits der 30, nicht wahr. Wobei ich zwischen gutartiger und bösartiger Quälerei unterscheide. Die gutartige kann verdammt wehtun, aber ich gehe fast immer als Sieger aus dem Ring. So stelle ich mir das zumindest vor, als Kampf, in dem ich gutartige Quälerei in nützliche Energie transformiere, in Botenstoffe, die Glukose freisetzen. Glückolyse, geglückte Glykose, nenn ich das. Das ist meine Stärke, irgendwo ist immer noch was zu holen.

Beim Start und noch so lange, bis ich an die verschiedenen Quälereien herangelaufen bin, ich sie mir überhaupt erst wieder vorstellen kann, geht es ums Gegenteil. Glukose sparen! Das hat mich die Quälerei gelehrt. Und deshalb sind mir die Adrenalin pumpenden Männer um mich herum im dritten Startblock so verhasst. Nicht etwa, weil sie mir gleich ihre Ellbogen und Knie ins Kreuz und gegen die Oberschenkel hauen, sie sind mir verhasst, weil ich diese Abart von viriler Unschuld verloren habe.

Seit zwei Jahren laufe ich beim Start gewissermaßen auf der Seite der Frauen, und das kränkt, obwohl ich genau weiß, ich werde den da vorne und den schräg hinter mir, der mit irren Augen an mir vorbei starrt, ich werde sie alle überholen. Glückolyse.

3?30 will ich diesmal als Endzeit erreichen, fünf Minuten pro Kilometer, es ist mein 12. Marathonlauf. Von Beruf bin ich Biochemiker, ich experimentiere mit standardisierten Ratten und identischen Zelllinien. Wahrscheinlich kommt mein Testosteronmangel beim Start nur daher, dass ich immer wieder ins Grübeln komme, wenn ich mich und die 30 000 Läufer um mich herum nüchtern betrachte.

Seite 1:

Lust auf Qual

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%