Ein letzter, ein wenig wehmütiger und persönlicher Blick in unsere Geldbörsen und Brieftaschen
Vielen Dank, Deutsche Mark, herzlich willkommen, Euro!

Auf den kommenden Jahreswechsel freue ich mich ganz besonders. Das liegt zum einen an den paar Tagen der Entspannung, die der Jahreswechsel bringt, und dem Gefühl eines Neuanfangs, das ich zu jedem neuen Jahr habe. Das gibt neuen Schwung. Es liegt aber vor allem auch an der Einführung des Euros als Münze und Schein in zwölf europäischen Ländern.

Schon am 17. Dezember werde ich mir eines der bei allen Banken und Sparkassen zu bekommenden "Starter-Kits" besorgen. Bisher kenne ich nur einige wenige Muster unseres neuen Geldes, und die musste ich immer wieder zurückgeben. Am Montag möchte ich endlich eigene Euro in der Hand haben. Ich bin neugierig auf das neue Geld. Es kündet eine neue Epoche in der europäischen Geschichte an. Ab dem 1. Januar können wir dann in Amsterdam, Paris, Berlin oder Lissabon mit derselben Währung bezahlen. Eine faszinierende Vorstellung!

Bis zum 31. Dezember bleiben die Euro-Münzen aus dem "Starter-Kit" aber in meinem Schreibtisch. Am 31. Dezember werde ich noch einmal in meine Geldbörse schauen und wohl zum letzten Mal das bisher gewohnte Bild sehen: Allzu viel ist nicht drin. Aber ich werde eine Münze herausnehmen und, wie es meine Art ist, zweimal umdrehen. Dieses Markstück werde ich dann aber nicht ausgeben, sondern aufheben. Vielleicht tue ich es zu einer Euro-Münze aus dem "Starter-Kit". Zusammen stehen sie für eine Entwicklung, die vor 50 Jahren noch völlig unmöglich schien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die D-Mark zum Symbol für Wiederaufbau und wirtschaftlichen Erfolg. Ich bin, geboren 1941, ja irgendwie mit der D-Mark groß geworden. In jungen Jahren habe ich noch nicht viel verstanden, wenn die Älteren von der Inflation der 20er-Jahre erzählten, und wie sehr sie darunter gelitten hatten. Aber schon in diesen Erzählungen schwang große Achtung für die neue Währung mit. Die Stabilität der Mark nach dem Krieg wurde von der ganzen Bevölkerung hoch geschätzt und galt als Basis des wirtschaftlichen Erfolges.

Mit dem Abschied von der Mark nehmen wir Deutschen aber nicht Abschied von der gewonnenen Stabilität. Das Erfolgsmodell der Bundesrepublik, eine politisch unabhängige Zentralbank mit der Sicherung der Stabilität der Währung zu beauftragen, ist inzwischen auch Basis der europäischen Geldordnung. Ein Erfolg für uns alle. Die EZB ist unabhängig von Weisungen nationaler Regierungen und hat die Aufgabe, die Stabilität des Euros zu wahren. Diesen Euro haben wir de facto schon seit drei Jahren. Seit dieser Zeit sind die Wechselkurse zwischen den teilnehmenden Währungen fixiert. Und die letzten drei Jahre waren gute Jahre für Deutschland. Die neue Geldordnung hat sich bereits bewährt. Innerhalb der Euro-Zone ist die Inflation gering. Die Statuten der EZB garantieren auch in Zukunft die Stabilität des Euros. Für mich ist das beruhigend.

Die Einführung des Euro-Bargelds ist für die Wirtschaft gar nicht mehr so entscheidend. Dort wird im grenzüberschreitenden Handel schon längst in Euro gerechnet. Für die Bürger wird Europa damit aber fassbar, im Wortsinne. Sie können "begreifen", wie weit die Integration gewachsen ist. Anders als oft in der Vergangenheit bekommen wir diesmal das neue Geld nicht als Folge eines Kriegs oder einer Krise. Ganz im Gegenteil.

Die positive politische und wirtschaftliche Entwicklung in Europa hat eine einheitliche Währung möglich - und nötig - gemacht. Der schon seit längerem bestehende EU-Binnenmarkt wird durch eine einheitliche Währung effektiver. Der Wegfall von Währungstauschkosten und-risiken sowie verbesserte Preistransparenz werden den Binnenmarkt stärken. Auch für kleine und mittlere Unternehmen eröffnen sich mehr Möglichkeiten, Märkte zu erschließen.

Wir Deutschen reisen im Urlaub ja gerne in fremde Länder. Dies wird für uns in Zukunft bequemer sein. Die Preise sind leichter vergleichbar, wir müssen uns nicht an neues Geld gewöhnen, wenn wir vor Ort sind. Ich bin sicher, die Gewöhnung an die neuen Münzen und Scheine wird allen Europäern schnell gelingen. Meine Kinder werden mich wahrscheinlich in einigen Jahren erstaunt fragen, warum so viele Menschen bei der Einführung des Euros so zögerlich waren. Den geldpolitischen Flickenteppich Europas durch eine einheitliche Währung zu ersetzen liegt einfach nahe. Und für zukünftige Generationen wird der Euro so selbstverständlich sein wie für uns die Mark.

Deutschland selbst war vor langer Zeit einmal ein Land mit vielen verschiedenen regionalen Währungen. Hätten wir diese währungspolitische Zersplitterung nicht überwunden, wäre Deutschland nie zu seiner jetzigen Stärke gekommen.

Die D-Mark wird ihren Stellenwert in der Geschichte unseres Landes behalten. Wir sind aber, in historischen Dimensionen gemessen, inzwischen in eine neue Ära eingetreten. Um unseren Wohlstand zu sichern, brauchen wir den Euro. Wir setzen - berechtigt - große Hoffnungen in ihn. Unsere Wertschätzung für die D-Mark bleibt davon unberührt. Wir verdanken ihr viel. Weil wir mehr wollen, brauchen wir jetzt aber den Euro. Mit ihm gewinnt Europa an politischem Gewicht.

Ich freue mich darauf, Anfang des Jahres mit meinen Kindern in ein Restaurant zu gehen. Vielleicht gehen wir zu einem Italiener. Dann stelle ich mir vor, wie die Speisekarten in Rom und Venedig am selben Tag wohl aussehen und dass es jetzt wohl kaum noch einen großen Unterschied dazwischen gibt. Die Pizza wird mir in Deutschland so gut schmecken wie den Italienern in Italien, und bezahlen werden wir in derselben Währung.

Schon in der ersten Januarwoche reise ich nach China, um Gespräche auf Regierungsebene zu führen. Ich komme dorthin als Finanzminister der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone. Für die Chinesen gewinnt der Handel mit Europa zunehmend an Bedeutung - genauso wie umgekehrt für uns auch. Eine Folge davon ist, dass die chinesische Zentralbank auch den Euro als Reservewährung hält.

Mitte Januar werden die meisten Umstellungsprozesse erledigt sein. Die D-Mark wird im Geldumlauf wahrscheinlich kaum noch eine Rolle spielen. Der eine oder andere wird noch eine Zeit lang "zurückrechnen" in D-Mark. Die Zeit mit der D-Mark war schön, aber der Abschied macht mich nicht traurig. Im Gegenteil: Die Zukunft mit dem Euro wird besser.

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