„Ein Männer- Drink“
Reich den Henn-dog rüber

Je teurer desto besser – nach diesem Motto konsumiert die Rap-Szene ein uraltes Getränk: Cognac. Die französischen Winzer reagieren verdattert auf ihre unkonventionelle Kundschaft.

Anne-Sophie Louvet schaudert, während die Bässe hämmern und Star-Rapper Busta Rhymes fordert: "Pass the Courvoisier!", reich den Courvoisier rüber. Louvet muss gestehen: Sie versteht den Text nicht. Was die schüchterne Winzerin aber begreift: Sie ist dem Hip-Hopper zu tiefem Dank verpflichtet. Denn Louvet liefert Trauben für die Cognac-Herstellung - und die läuft wieder auf vollen Touren, seit die Rap-Szene den Weinbrand als Statussymbol entdeckt hat.

Die Wende war bitter nötig: Vor fünf Jahren stand die Region um das kleine, konservative Städtchen Cognac vor dem Ruin. Asien als Nummer-eins-Markt war zusammengebrochen, 1998 blockierten die Winzer vier Tage lang jede Zufahrt in den Ort, weil Cognac-Hersteller ihre Traubenbestellungen drastisch zurückgefahren hatten. Heute ist Cognac wieder gefragt - dank den USA. Eine Milliarde Dollar geben die Amerikaner jährlich für das Gute-Nacht-Getränk Napoleons aus, dreimal mehr als vor zehn Jahren.

War Cognac lange das Getränk der weißen Banker-Szene, haben Rapper wie Rhymes, Sean P. Diddy Combs oder Snoop Dogg das geändert: Cognac ist Kult. Junge Hip-Hop-Fans mixen ihn zu Cocktails wie "Thug Passion", ein Gaumenkitzler aus Passionsfrucht und Cognac, oder "French Connection" aus Amaretto und Cognac. Und schon wird in der schwarzen Nachtclubszene seine Wirkung hochstilisiert. "Es kann etwas in dir auslösen", glaubt Erick "Kaine" Jackson, eine Hälfte des Hip-Hop-Duos Ying Yang Twins aus Atlanta. Sogar auf der Bühne gönnt er sich Cognac-Cocktails - "ein Männer- Drink", behauptet der 24-Jährige.

Nicht nur die Ying Yang Twins verewigen ihr liebstes Gesöff in Songs, auch Superstar Jay-Z tat es: in "Change the game". "Yak" heißt er dort. Die Marke Hennessy taucht in Rap-Liedern als "Henny" auf, als "Henn-dog" oder "Henn-roc". Schon jetzt machen junge Schwarze 60 bis 85 Prozent des Hennessy-Umsatzes in den USA aus. "Cognac ist ein klassischer, stilvoller und wirklich weicher Drink", sagt Rap-Superstar Jay-Z. In seinem Manhattaner Club "40/40" gibt es zu Ehren seiner Lieblingsmarke sogar einen Remy Room. Digitale Zahlenschlösser sichern die Glasvitrinen, hinter denen über 100 Jahre alte Brandweine stehen.

Wer bereits einige Millionen via Plattenvertrag und Stadiontour eingefahren hat, gönnt sich gern Remy Louis XIII, die Flasche zu 5 000 Dollar, wie Jay-Z: "Immer, wenn ich einen wirklich entspannten Moment haben möchte, normalerweise zusammen mit einer Zigarre." Das exaltierte Gehabe der Rapper steht in krassem Gegensatz zum introvertierten Wesen der Winzer, deren Güter seit Generationen in Familienbesitz sind. "Es ist eine etwas andere Welt", sagt die 44-jährige Louvet. Ihr Großvater kaufte 1890 die 30 Hektar Land, die sie heute bewirtschaftet: "In dieser Region zeigt man seinen Reichtum nicht, und man redet nicht über Geld."

Die Wurzeln des Cognac reichen bis ins 17. Jahrhundert, als holländische Händler entdeckten, dass Weißwein sich besser auf der Schiffsreise von Südfrankreich nach Nordeuropa hielt, wenn man ihn destillierte. Und weil so manches Schiff länger brauchte als erwartet, entdeckten sie auch, dass destillierter Wein in hölzernen Fässern mit der Zeit immer besser schmeckt.

Heute wird der Markt für Cognac dominiert von vier Marken: Hennessy, Remy Martin, Courvoisier, Martell. Sie verarbeiten Trauben der Winzer um Cognac - und hielten sie fern von Verbrauchertrends und Moden. Bis zum Frühjahr. Da entschied sich Courvoisier, seine Winzer über die Kundschaft aus dem Reich des Sprechgesangs zu informieren. 900 von ihnen stockte der Atem, als auf einer Großbildleinwand Rhymes seine Ode an den Cognac rappte, eingebettet zwischen sexy Damen und Gewaltszenen.

Unter den Betrachtern weilte auch der 55-jährige Winzer Jean-Marie Macoin: "Wir hatten nicht erwartet, dass Cognac mit solchen Leuten verbunden ist. Aber wir wissen: Wir müssen uns einer veränderten Zeit anpassen." Und in der wird Reichtum nicht versteckt, sondern in großen Portionen genossen. Juan Perez, Geschäftspartner von Jay-Z, erklärt: "Du nimmst deine 650- Dollar-Portion Cognac aus deinem 4 000-Dollar-Glas und rauchst dazu eine richtig große Zigarre." Für ihn ist Cognac im Vergleich zu anderen teuren Getränken wie "ein Bentley, verglichen mit einem Mercedes".

Für Winzer Yann Fillioux, seit 37 Jahren Traubenerzeuger, eine fremde Welt: "Es gibt Zeiten, in denen ich besser nicht nachfrage, was dahintersteckt. Ich bin auch mehr der Typ für klassische Musik."

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