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Ein Mausoleum für Peron

Die demokratische Reife eines Landes läßt sich an vielen kleinen Dingen ablesen. Zum Beispiel daran, wie es mit den undemokratischen Epochen seiner Geschichte umgeht. Unter diesem Aspekt betrachtet ist Argentiniens Demokratie noch ziemlich grün hinter den Ohren.

Die demokratische Reife eines Landes läßt sich an vielen kleinen Dingen ablesen. Zum Beispiel daran, wie es mit den undemokratischen Epochen seiner Geschichte umgeht.

Unter diesem Aspekt betrachtet ist Argentiniens Demokratie noch ziemlich grün hinter den Ohren. So soll jetzt der autoritäre Ex-Präsident Juan Domingo Peron ein Mausoleum bekommen. Seine politische Karriere begann der General und erklärte Bewunderer des italienischen Faschismus 1943 mit einem Staatsstreich, wurde Arbeitsminister und 1944 Vizepräsident. Schon in dieser Zeit folgte Peron den Rezepten der europäischen Faschisten: Er ließ kommunistische und sozialistische Führer einsperren und baute sich gleichzeitig einen hörigen Gewerkschaftsapparat auf. Er wurde zum Helden der Arbeiterschaft, indem er erstmals Grundrechte wie geregelte Arbeitszeiten einführte und die Löhne kräftig anhob. Das verhalf ihm 1946 zum Sieg bei den Präsidentschaftswahlen. Sein Regime führte Säuberungen an den Universitäten und in der Presse durch. 1955 stürzten ihn die Militärs und verbannten ihn aus dem Land. 1972 kam er aus dem Exil zurü ck noch mal zurück und wurde wieder an die Staatsspitze gewählt. Seine Frau, die Kabaretttänzerin Isabel, setze er als als Vizepräsidentin ein. Nach Perons Tod 1973 wurde "Isabelita" Präsidentin und führte das Land in den Abgrund: 1976 putschten sich die Militärs an die Macht und errichteten die wohl brutalste Diktatur Südamerikas.

Auf diesen Mann nun beruft sich noch heute die mächtige "Peronistische" Regierungspartei. Die heutigen Kaziken des Landes einschließlich Präsident Nestor Kirchner streiten sich darum, wer der "pure" und beste Peronist ist. Entsprechend eifern sie auch darum, das Mausoleum endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Vier Millionen Pesos - umgerechnet 1,2 Millionen Euro - will sich die Partei den Spass kosten lassen. Wie das finanziert werden soll? Ganz einfach: Die peronistischen Abgeordneten und Senatoren, die in beiden Kammern die Mehrheit bilden, wurden "eingeladen", einen Obulus zu dem Werk beizutragen. Das funktioniert so: Den insgesamt 34 peronistschen Senatoren werden 5000 Pesos - immerhin 1500 Euro - automatisch und in zwei Quoten von ihrem Gehalt abgezogen, den 55 Abgeordneten "nur" umgerechnet 900 Euro. Da gab es natürlich heftigen Protest, aber das half nichts. Schließlich geht es um das Andenken an Peron.


Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
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