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Ein Maybach für den Disco-König

Nach den Maßstäben des Könighauses der Swasi ist ihr gegenwärtiger Herrscher Mswati III gewiss niemand, der sich allzu forsch ins Eheleben stürzt.

Nach den Maßstäben des Könighauses der Swasi ist ihr gegenwärtiger Herrscher Mswati III gewiss niemand, der sich allzu forsch ins Eheleben stürzt. Der 37-jährige Monarch, dessen Familie das zwischen Südafrika und Mosambik gelegene Königreich Swasiland seit 24 Generationen regiert, hat bislang erst elf Ehefrauen (und drei Verlobte im Teenageralter), während sein Vater Sobhuza II es im gleichen Alter bereits auf mehr als 40 Frauen brachte - und später noch 25 weitere ehelichte. Als der Löwe mit der mächtigen Pranke 1982 mit 83 Jahren starb, soll er Vater mehrerer Hundert Kinder gewesen sein. Progressivität und Frauenzahl gelten in Swasiland als umgekehrt proportional.

Bei einer Stippvisite in dem Königreich zu Wochenbeginn wurde deutlich, dass die Moderne in der letzten absoluten Monarchie im südlichen Afrika tasächlich ganz vorsichtig Einzug hält. So werden die Eskapden des Königs heute diskret diskutiert, ohne dass dieser daran größeren Anstoß nimmt.. Beim letzten Besuch vor drei Jahren war das noch anders: Als Mswati damals eine frisch durchs Abitur gefallene Schülerin zur zehnten Frau nahm und dafür von der Lokalpresee harsch kritisiert wurde, schränkte er kurzerhand die Pressefreiheit ein. Ähnlich strikt hatte zuvor sein Vater agiert.: Nachdem die Opposition in Swasiland 1973, nur fünf Jahre nach dessen Unabhängigkeit von Großbritannien, eine kleine Zahl Parlamentssitze gewonnen hatte, verbot Sobhuza II postwendend alle politischen Parteien. Zwar hielt sein Sohn 1993 parteifreie Wahlen ab, doch hat der König noch immer das Recht, Kabinett und Premier selbst zu ernennen. Auch kann das Parlament bis heute kein Gesetz ohne seine ausdrückliche Billigung verabschieden.

Auf Brautschau geht der swasische König indes nach wie vor auf dem traditionellen Ried-Tanz Ende September. Bei dem Ritual versammeln sich alljährlich mehrere Hundert Jungfrauen und tanzen ein Schilfrohr in den Händen haltend vor dem König. Dieser schickt ein paar Tage nach dem gründlichen Studium der Videoaufnahmen seine Vasallen durchs Land und lässt die Auserkorene an den königlichen Hof holen.. An Luxus mangelt es den jungen Damen dort kaum. Erst zu Jahresbeginn kaufte Mswati jeder seiner Frauen einen luxuriösen BMW. Gesamtkostent: 650.000 Euro. Er selbst gönnte sich gleichzeitig für 450.000 das DaimlerChrysler-Flaggschiff - einen Maybach 62. Offenbar war der König mit der deutschen Luxuskarosse derart zufrieden, das er zu seiner Geburtstagsfeier im letzten Monat acht Mercedes S 350 mit goldbeschlagenen Nummernschildern zum Stückpreis von fast 100.000 Euro orderte. Dass er dann aber zur offiziellen Feier in einem Papst-Mobil vorfuhr, lag angeblich daran, dass Mswati in dem Gefährt die Hu ldigungen seiner (bitterarmen) Untertanen besser entgegennehmen konnte.

Mehr noch als über die eklatante Verschwendungssucht sorgen sich Außenstehende über die von Mswati praktizierte Polygamie. Sie ist nach Ansicht von Gesundheitsexperten auch ein wichtiger Grund für die erschreckend hohe Aids-Rate in dem kleinen Königreich. Inzwischen sind rund ein Drittel der 1,1 Mio. Swasi mit dem HIV-Virus infiziert - pro Kopf mehr als in jedem anderen Staat der Welt. Vor allem auf dem Land ist die Vielweiberei weit verbreitet. Begründet liegt die rasche Ausbreitung des Aids-Virus aber auch in den strikt gehüteten Traditionen der Swasi. So misstraut die einheimische Kultur fast instinktiv der westlichen Medizin. Auch sind Verhütungsmittel wie Kondome weithin verpönt.

Trotz der verheerenden Folgen der Polygamie hinterfragt in Swasiland kaum jemand den traditionellen Lebensstil. Ebenso wie die Parlamentarier des Landes sind auch die meisten gewöhnlichen Bürger unverblümt königstreu. Die große Mehrheit betrachtet Mswati bei allen Fehltritten als Vaterfigur und den Wächter über die Tradition. Seine Ausnahmestellung als Oberhaupt der Swasi-Nation erklärt auch, weshalb der König es bislang stets geschafft hat, Proteste seiner Untertanen frühzeitig zu entschärfen. Als Studenten und Gewerkschaften vor gar nicht langer Zeit vor den Königspalast zogen und mehr Freiheit forderten, spendierte Mswati ihnen spontan einen Ochsen - und die satten Kommilitonen und Arbeiter zogen von dannen und priesen ihren Herrscher. (Ende)


Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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