Ein Meer aus Blumen und Kerzen
Der Schock sitzt in Erfurt tief

Nach dem Amoklauf des 19-jährigen Robert Steinhäuser im Gutenberg-Gymnasium haben die Bürger von Erfurt am Wochenende um Fassung gerungen. Tausende Menschen legten an der Schule Blumen nieder und gedachten in Gottesdiensten der 16 Opfer des von der Schule verwiesenen Jugendlichen.

Reuters ERFURT. Die Polizei arbeitete fieberhaft an der Aufklärung des Amoklaufs, bei dem am Freitag 13 Lehrer, zwei Schüler und ein Polizisten erschossen worden waren. Durch beherztes Engreifen hatte offensichtlich der Geschichtslehrer Rainer Heise den Täter gestoppt. Die Behörden gehen mittlerweile nicht mehr davon aus, dass es einen zweiten Täter gab. Für die Familien der Opfer, Schüler und verstörte Bürger wurde ein psychologischer Notdienst eingerichtet. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und seine Frau Doris sowie Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) legten an der Schule Blumen nieder.

"Das ist ein Albtraum"

Das Portal des Gutenberg-Gymnasiums versank am Sonntag in einem Meer aus Blumen, dazwischen Fotos der Getöteten und Stofftiere. Am Abend erleuchteten Kerzen die Szene. Viele Menschen weinten. "Das ist wie ein Albtraum, wie im Film", sagte die 16-jährige Katja N. Eine Frau beschrieb ihre Gefühle mit den Worten: "Man fühlt sich wie in Watte." An einem Trauergottesdienst im völlig überfüllten Marien-Dom nahmen am Samstagabend auch der Bundeskanzler und seine Frau teil.

Steinhäuser war der Polizei zufolge am Freitag gegen 11.00 Uhr während der Abiturprüfung in seine ehemalige Schule eingedrungen. Er war mit einer Neun-Millimeter-Pistole und einem Schrot-Repetiergewehr bewaffnet, das er aber nicht benutzte. Beide Waffen hatte er als Sportschütze legal erworben. In der Schule wurden später über 500 Schuss Munition gefunden.

Nach Angaben der Polizei war er im Februar von der Schule verwiesen worden, nachdem er Atteste gefälscht hatte. Seinen Eltern habe er nichts erzählt. Sie hätten ausgesagt, ihm am Morgen noch alles Gute für seine Abiturprüfung gewünscht zu haben.

Nach den bisherigen Ermittlungsergebnissen erschoss Steinhäuser gezielt Lehrer, Schüler habe er verschont. Die 14-jährige Schülerin und ihr 15-jähriger Mitschüler seien durch eine Tür hindurch getroffen worden, sagte Polizeichef Rainer Grube. Die meisten der neun Lehrerinnen und vier Lehrer seien an Kopfschüssen gestorben. Der Amoklauf habe etwa 20 Minuten gedauert. Als die Polizei das Gebäude stürmte, hatte Steinhäuser bereits Selbstmord begangen. Augenzeugen beschrieben Steinhäuser als kaltblütig und zielgerichtet. Er habe eine Tür nach der anderen geöffnet und den Lehrer erschossen. Der Schüler Filip N. sagte, Steinhäuser habe die Lehrer regelrecht hingerichtet.

Lehrer verhinderte weitere Morde

Nach Angaben der Polizei verhinderte Heise offenbar weitere Morde. Der Lehrer sagte Reuters, als er Steinhäuser begegnet sei, habe der die Maske abgezogen und sich zu erkennen gegeben. Er (Heise) habe gesagt: "Du kannst mich erschießen, aber du musst mir dabei in die Augen sehen." Steinhäuser habe die Pistole sinken lassen und geantwortet: "Herr Heise, für heute reicht's." Heise sagte, er habe dann den Amokläufer in einen Materialraum geschubst und die Tür abgesperrt.

Nach Angaben der Behörden war Steinhäuser Sportschütze und hatte eine ordnungsgemäße Waffenbesitzkarte. Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) forderte eine Überprüfung des Waffengesetzes, das erst am Freitag vom Bundestag novelliert worden war. Im Laufe ihrer Ermittlungen schloss die Polizei aus, dass ein zweiter Täter in dem Gebäude war. Endgültige Klarheit sollte eine Untersuchung der rund 40 gefundenen Projektile bringen.

Schüler hatten berichtet, sie hätten einen zweiten Mann gesehen. Grube sagte, eine Zeugin habe ausgesagt, sie habe Steinhäuser alleine zur Schule gehen sehen. Im Internet fand die Polizei eine Homepage über Steinhäuser, von der nach Grubes Worten nicht klar war, ob sie von diesem selbst oder von Trittbrettfahrern stamme. Die Internetseite sei zuletzt mehrere Stunden nach der Tat von einem Unbekannten aktualisiert worden.

Polizei findet gewaltverherrlichende Computerspiele

Im Jugendzimmer Steinhäusers in der Wohnung seiner Eltern fand die Polizei gewaltverherrlichende Computerspiele. Steinhäusers ehemalige Mitschüler beschrieben ihnen als Ich-bezogen. "Er wollte immer auffallen und ist bei den Lehrern angeeckt", sagte eine frühere Klassenkameradin. Die "Bild am Sonntag" zitierte seine Mutter mit den Worten: "Mein Junge war ein Waffennarr. Und er war schnell auf die Palme zu bringen." Die Schülersprecherin Michaela Seidel sagte, sie fühle ihm gegenüber gar nichts. "Das ist das, was er verdient hat. Hass oder Mitgefühl wären für ihn noch eine Genugtuung."

Auf einer Schulversammlung wurde beschlossen, den Unterricht an der Schule zunächst ruhen zu lassen. Oberbürgermeister Manfred Ruge sagte, jeder Klasse werde mindestens ein Psychologe zugeteilt. Schüler, Eltern und Lehrer sprachen sich gegen ein Mahnmal an der Schule aus, da die Schule sonst nie wieder zur Normalität zurückkehren werde.

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