Ein nicht ganz normaler Eishockeyklub führt die DEL an
Erichs Erben

Die Geschichte des EHC Eisbären Berlin ist eine wechselvolle. Als einziger Ostklub in der DEL stand er noch noch vor wenigen Jahren vor dem Konkurs. Doch dann erkannte ein Amerikaner das Potenzial des Klubs. In zwei Jahren will er mit dem Verein Geld verdienen.

BELRIN. Laute Musik hallt durch die noch kühle Halle. Im abgedunkelten Licht bewegen sich Wunderkerzen im Rhythmus. Dann fällt das Spotlight auf einen überdimensionierten Eisbärenkopf und der Stadionsprecher ruft die Vornamen der Helden ins Mikro, tausende Fans antworten mit den Nachnamen, während aus dem Maul des Bären die Spieler Eishockeyspieler der Eisbären Berlin springen.

Ein normales Eröffnungsritual bei einem nicht ganz normalen Eishockeyklub. Denn der EHC Eisbären Berlin ist nicht nur der einzige Ostklub der Deutschen Eishockey Liga (DEL), sondern nach längerer Durststrecke auch ein Titelaspirant.

Wenn man die Spieler im aktuellen Kader des EHC nach ihren erlernten Berufen fragt, wird man von Physiker, über Buchhalter bis zu der einfachen Aussage Eishockeyprofi alles hören, nur eines nicht: Polizist. Und doch trug der Verein bei der Gründung 1950 den holprigen Namen "Sportvereinigung Deutsche Volkspolizei". 40 Jahre und 15 DDR-Meistertitel später gliederte sich der ehemalige Stasi-Klub beim Deutschen Eishockey Bund ein.

Von Titelfreuden war da allerdings nichts mehr zu spüren. Der Verein kämpfte ums Überleben - finanziell und sportlich. Die Eisbären spielten immer gegen den Abstieg und wurden erst mit Hilfe des Bosman-Urteils erlöst: Ein Nationensammelsurium schwang die Schläger fortan für den EHC - mit Erfolg. Vom viel zitierten "Kellerkind der Liga" katapultierten sich die Eisbären an die Spitze. Halbfinale, Finale und noch einmal ein Halbfinaleinzug in der DEL waren das Ergebnis, das mit teuren Spielern erreicht wurde. Doch schließlich stand der Klub vor dem finanziellen Ruin.

Die Rettung kam mit dem Milliardär Philip F. Anschutz, einem der reichsten Männer der USA. Er kaufte den Klub nicht, weil er von der Stimmung begeistert war, sondern wegen der langfristigen Gewinnaussichten, die sich mit dem geplanten Bau eines Vergnügungszentrums mit Großhalle am Berliner Ostbahnhof ergaben.

In der Klubführung wurde aufgeräumt, das Management einem strengen Sparzwang unterworfen. "Wir arbeiten seit ein paar Jahren daran, auf eine schwarze Null zu kommen und endlich nicht mehr abhängig zu sein", erklärt Marketingmanager Billy Flynn. Die Schulden seien schon abgetragen. Nach Aussage von Manager Peter John Lee soll in zwei Jahren - in der neuen Arena - auch Geld verdient werden.

Doch mit den eher unterdurchschnittlichen Leistungen der Mannschaft war man nicht zufrieden. Ein ehemaliger NHL-Trainer wurde engagiert, um aus der Exotentruppe an der Spree das "Bayern München des Eishockeys" zu formen. Ausgerechnet ein Kanadier schweißt amerikanischen Kapitalismus mit Ostalgie zusammen. "Ich versuche, den Spielern klarzumachen, dass sie bei einem Verein mit Geschichte spielen. Daher habe ich auch das Logo des Eisbären-Vorgängers Dynamo in der Kabine aufhängen lassen. Der Sport gibt vielen Fans ein Stück längst vergangener Identität wieder", hat Pierre Pagé erkannt.

Mit dieser Identität und einem Konzept für langfristigen sportlichen Erfolg, soll nun alles besser werden. Die Tabellenführung gibt ihm Recht. Und so schallt es den gegnerischen Fans - lyrisch etwas bedenklich dafür aber voller Inbrunst - entgegen: "Alle sind wir da, alle sind wir da, außer Erich Honecker."

Stolz präsentiert sich auch die Marketing-Abteilung. "Wir wollten kein Aldi-Markt mehr sein. Es ist uns gelungen fünf große Sponsoren zu gewinnen", schildert Marketing-Chef Billy Flynn den Trend weg von vielen kleinen Sponsoren und hin zu wenigen Großen. Zu den Geldgebern zählen Coca Cola, Gasag Erdgas, Tenovis Business Communication, die Berliner Pilsner Brauerei und die Howoge Wohnungsbaugesellschaft. Dass die Einnahmen aus den Sponsorenengagements nur ein Drittel der Gesamteinnahmen ausmachen, stört den studierten Psychologen nicht. Zehn der dreizehn Heimspiele waren ausverkauft.

Allerdings gehört die bisherige Heimstätte "Wellblechpalast" auch zu den kleinsten und unkomfortabelsten Hallen. Und so fiebert das Umfeld der neuen Arena entgegen. Detlef Kornett, der Europa-Chef der Anschutz-Gruppe: "Im Wellblechpalast gibt es fast nur Stehplätze, das Stadion ist nicht mehr zeitgemäß." Damit sich die stehplatzgewöhnten Fans auch in der neuen Halle wohl fühlen, sollen aus den gepolsterten Sitzmöbeln bei Bedarf bis zu 3 000 Stehplätze werden.

Auch sportlich ist das Fernziel neue Halle fest im Trainervisier. "Sicher ist da ein Risiko, offensiv zu spielen, aber wir bauen hier in Berlin ein Halle mit 16 500 Plätzen. Es gibt viele Sportvereine in Berlin und wir müssen die Fans vom Eishockey überzeugen." Chefcoach Pagé will aus dem Underdog die erste Eishockey-Adresse in Europa machen. Dafür übernahm er das Zweiwegesystem aus den USA. Junge Spieler sammeln nun Praxis beim Zweitligaklub Crimmitschau und kommen bei Bedarf in der DEL zum Einsatz.

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