Ein offener Brief
Liebe Hillary, ...

„Die Anrede ist plump, aber der Rat wohlmeinend. Als wir uns zuletzt in South Carolina trafen, hattest Du einen ersten Dämpfer bekommen, aber noch Hoffnung. Doch nun ist es vorbei, der nächste Demokrat im Weißen Haus wird ein Schwarzer sein und keine Frau. Das solltest Du jetzt einräumen und retten, was zu retten ist.“ Ein offener Brief an Hillary Clinton.

Liebe Hillary, ...

zieh Deine Bewerbung zurück, stelle Dich vorbehaltlos hinter Barack Obama und richte Dich auf eine wichtige Rolle als Mehrheitsführerin im US-Kongress ein. Weiter abzuwarten schadet den Demokraten und Dir selbst.

Dein Kampfgeist ist bewundernswert. Indiana als Sieg auf dem Weg ins Weiße Haus zu feiern und gleich zu den nächsten Wahlkampfauftritten zu ziehen, zeugt aber eher von Chupze. Du bist tatsächlich um 2.30 Uhr aus Indiana nach Hause gekommen und hast gleich am nächsten Morgen in Shepherdstown, West Virginia, Deine Standard-Rede zur Wirtschaftskrise gehalten?

Nach der fetten Niederlage in North Carolina und dem Unentschieden in Indiana (von Sieg kann man bei 51 zu 49 wirklich nicht reden) ist Barack Obama die Nominierung nicht mehr zu nehmen. Wenn nicht einmal Dein Versprechen geholfen hat, im Sommer für billiges Benzin zu sorgen, was dann? Und der Spin Deines Chefstrategen, die Niederlage in North Carolina sei eigentlich ein Sieg, ist reichlich absurd. Gib es zu, die Obama-Strategen haben Recht.

Oder stimmt es wirklich, dass Du noch immer hoffst, die Obama-Kandidatur wird früher oder später an einen neuem Skandal wie dem über die radikalen Äußerungen seines Ex-Pastors Wright implodieren, dass die rassistischen Vorbehalte und Gerüchte (Obama ist kein Christ, nein ein Islamist und Amerika-Feind) Überhand gewinnen - und Du einfach noch im Rennen sein willst, wenn Dich die Partei als Ersatzfrau ruft? Klingt weit hergeholt, aber genau diese These vertritt zum Beispiel die Daily News. Egal was auch passiert, die Demokraten gewinnen die Präsidentschaftswahl, so soll die Clinton-Familie denken. Das kann doch wohl nicht Dein Ernst sein? John McCain steht bereit, und wenn die Demokraten dieses Mal versagen können sie einpacken, für Jahrzehnte.

Ab jetzt kann es nur noch peinlich werden

Also im ernst. Ab jetzt kann es für Dich (und Billy-Boy) nur noch peinlich werden. Die paar Delegierte, die in West Virgina oder Kentucky noch zu holen sind, lohnen den Aufwand nicht, spielen aber John McCain noch mehr in die Hände. Willst Du etwa wie Mike Huckabee enden, der zum Schluss noch von Wahl zu Wahl fuhr, aber nur noch eine Lachnummer war? Ab jetzt werden sich die Superdelegierten outen - und es gibt für sie keinen Grund, sich hinter eine Verliererin zu stellen. Drei weitere Superdelegierte konnte Obama gleich gestern melden, Du keinen einzigen.

General Wesley Clark dementiert zwar, aber ausgerechnet George McGovern, als Kandidat von 1972 einer der echten Parteiveteranen, der damals Bill und Dich in die Politik geholt hatte, warf den ersten Stein und ist zu Obama übergelaufen. Zwar traut er sich nicht, Dich selbst anzurufen und telefoniert lieber mit Bill, der es Dir schonend beibringen soll: das Rennen ist gelaufen. Wenn Du jetzt noch weiter abwartest kannst Du nur noch mehr verlieren, von den Getreuen verlassen, von der Bühne gedrängt, in Schulden versunken.

Noch hast Du die Chance, die Niederlage als faire Verliererin einzugestehen und mit großer Geste in die Geschichte einzugehen: die erste Frau, die eine gute Präsidentin hätte werden können. Aber auch nach der Kandidatur gibt es ein Leben: zum Beispiel als enge Vertraute von Präsident Obama, die im Kongress die Zügel in der Hand hält.

Und für Deine Schulden werden sich schon noch ein paar großzügige Gönner finden. Sicher, zehn Millionen Dollar aus Deiner Privatschatulle hast Du im Wahlkampf versenkt. Aber das war der Spaß doch wert, oder?

Best wishes, Georg

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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