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Ein Paradies für Fälscher

Der argentinische Personalausweis ist ein unscheinbares grünes Papierheftchen, handgeschrieben und mit eingeklebtem Foto, kurz, ein Geschenk des Himmels für Fälscher.

Der argentinische Personalausweis ist ein unscheinbares grünes Papierheftchen, handgeschrieben und mit eingeklebtem Foto, kurz, ein Geschenk des Himmels für Fälscher. Offiziellen Daten zufolge werden in Argentinien jeden Monat knapp 100 Fälle von Fälschung oder dem betrügerischen Gebrauch fremder Personalausweise bekannt. Da bekommen etwa Leute einen Pfändungsbescheid für ihre Haus oder ihr Gehalt wird konfisziert, weil jemand mit einem gefälschten Personalausweis im Namen des Hauseigentümers oder Gehaltsbeziehers jede Menge Kredite aufgenommen und natürlich nie die Raten bezahlt hat. Ein anderer bekommt einen Bescheid über ein stark überzogenes Bankkonto, dass er nie eröffnet hat. Ein spektakulärer Fall war unlängst der von zwei Bankräubern, die mit gefälschten Papieren als Kunden in die Sektion der Bankschließfächer spazieren und dort in aller Ruhe eine halbe Million Dollar einpacken konnten. Und schlie&szli g;lich gibt es regelmässig nach den Wahlen Berichte darüber, wie zahlreiche unlängst Verstorbene, die noch im Wahlregister standen, merkwürdigerweise ihre Stimme abgeben konnten.

Umso erstaunlicher, dass es von Seiten der Regierung keinerlei Pläne gibt, dies zu ändern und vielleicht die Ausweise einmal auf den Stand der Zeit zu bringen. In den 90er Jahren gab es einmal einen dahingehenden Versuch. Zu diesem Thema stehen sich in Washington, vor dem Schiedsgericht der Weltbank, zur Zeit die Firma Siemens und die Republik Argentinien gegenüber. Es geht um rund 500 Millionen Dollar, die Siemens als Schadensersatz fordert, weil die argentinische Regierung vor einigen Jahren einen Auftrag zur Erstellung neuer, computerlesbarere und fälschungssicherer Personalausweise wegen angeblich zu hoher Kosten plötzlich annulliert hatte, als Siemens die Produktion der Ausweise bereits begonnen und einige sogar schon ausgegeben hatte.

Während der Großteil der argentinischen Presse und Öffentlichkeit damals davon ausging, dass Siemens erstens Schmiergelder bezahlt hatte, um den Auftrag zu bekommen, und zweitens einen Riesenreibach mit exorbitanten Preisen erzielen wollte, sind andere der Meinung dass etwas ganz anderes dahinter steckt: Es gibt einfach ein politisches Interesse daran, dass der derzeitige Personalausweis nicht durch ein moderneres Modell ersetzt wird.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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