Ein Politiker mit Prinzipientreue und ausgeprägtem Eigensinn
Chevènement tritt zum dritten Mal als Minister zurück

afp PARIS. Rücktritte sind eine Spezialität von Jean-Pierre Chevènement. Am Montag war die Entscheidung dann wieder mal gefallen: Aus Protest gegen die Korsika-Politik des französischen Premierministers Lionel Jospin will Chevènement am Dienstag sein Amt als Innenminister niederlegen. Es ist bereits das dritte Mal, dass Chevènement mit lautem Getöse einen Ministerposten aufgibt. Nach Wochen beendete der als eigensinnig bekannte Linksnationalist damit die Spekulationen über seine Zukunft. Mit seiner deutlichen Kritik an der Korsika-Politik des Premiers, für die er als Innenminister verantwortlich ist, hatte der 61-Jährige seinen Verbleib in der Regierung praktisch unmöglich gemacht. Damit bleibt er seinem alten Motto treu: "Ein Minister hält das Maul, wenn er es aber aufmacht, muss er zurücktreten."

Sprüche wie dieser trugen Chevènement den Ruf eines exzentrischen Politikers ein, der zudem beinahe fundamentalistische Auffassungen von Recht und Ordnung hat. So war der Plan des Premiers, die krisengeschüttelte Mittelmeerinsel Korsika mit bescheidenen Autonomie-Zugeständnissen zu befrieden, für ihn ein rotes Tuch - er sieht dadurch die Grundfesten des Zentralstaates gefährdet. Ähnlich gereizt reagierte der Euroskeptiker und Deutschland-Kenner Chevènement auf Vorstöße für eine vertiefte europäische Integration: Den Föderationsplan von Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) nahm er im Mai zum Anlass, Deutschland vorzuwerfen, es sei noch immer nicht von der "Entgleisung" des Nationalsozialismus geheilt. Obwohl er die Äußerung später relativierte, machte Chevènement wieder deutlich, dass er den Deutschen eine umfassende Nachkriegs-Läuterung nicht attestieren wollte.

Polternde Auftritte wurden im Laufe seiner Karriere zum Markenzeichen Chevènements. 1983 warf er aus Protest gegen die Sparpolitik der damaligen Regierung das Handtuch; 1991 trat er als Verteidigungsminister zurück, weil sich Paris in die Golfkriegs-Allianz gegen Irak einordnete und damit aus Chevènements Sicht zum Erfüllungsgehilfen der USA machte. 1993 schließlich kehrte das "enfant terrible" seiner politischen Heimat, der Sozialistischen Partei, den Rücken, nachdem er zuvor die Anti-Maastricht-Bewegung MDC ("Mouvement des Citoyens") gegründet hatte. In der Zwei-Prozent-Partei sammeln sich Euro-Gegner und Linksrepublikaner. Aber in weiten Teilen der Bevölkerung - und zwar im linken wie im rechten Spektrum - gilt Chevènement als integrer und prinzipienfester Politiker. Zur Zeit bringt er es auf Sympathiewerte von mehr als 50 Prozent.

Als die Linke 1997 in Frankreich an die Regierung kam, berief Jospin seinen alten Weggefährten aus dem ostfranzösischen Belfort wieder ins Kabinett. Chevènement trieb die Dezentralisierung und die Polizeireform voran. Er sorgte dafür, dass bei einem der Dauerbrenner des politischen Streits - der illegalen Einwanderung - eine gewisse Beruhigung eintrat und verschaffte 80 000 Menschen ohne Ausweis einen regulären Status. Die von ihm markig angekündigte Bekämpfung der Jugendkriminalität zeigte allerdings wenig Wirkung, und im Fall Korsika bescheinigte ein Parlamentsbericht den ihm unterstehenden Polizei- und Justizbehörden erhebliche Versäumnisse.

Vier Monate musste Chevènement während seiner Amtszeit im Krankenhaus verbringen. Bei einer Gallenoperation im September 1998 fiel er bei der Anästhesie für eine Woche ins Koma und entkam nur knapp dem Tod. Damals hielt Jospin eisern an ihm fest. Nicht so im Streit um Korsika.

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