Ein Schatten legte sich über die Multis
Der stetige Durst nach dem Öl

Die Ölbranche kann auf ein turbulentes Jahr zurückblicken - und zumindest finanziell auf eines der erfolgreichsten ihrer jüngeren Geschichte. Die Höchststände bei den Ölpreisen, angetrieben von einem selbst unter Analysten unerwarteten Nachfrageboom aus Asien, sorgten für Rekordgewinne bei der Exploration und Produktion. Auch das Raffineriegeschäft lief international bestens, unter anderem, weil die Anlagen in den USA den Durst der heimischen Benzinschlucker nicht mehr stillen konnten.

HB DÜSSELDORF. Im Chemiegeschäft folgten die drei größten europäischen Konzerne weiter einem Trend: Nach Royal Dutch/Shell und Total beginnt auch BP mit dem Umbau seiner wenig profitablen Chemiesparte. Der Branchenprimus in Europa trennt sich von Aktivitäten im Wert von fast sieben Milliarden Dollar. Betroffen davon ist die Hälfte der Petrochemiesparte und mehrere tausend Arbeitsplätze in Deutschland. Das Management will die Sparte zunächst ausgliedern und später an die Börse bringen. Allerdings gibt es momentan angesichts von Überkapazitäten und hohen Rohstoffpreisen wenig Interesse an der Petrochemie.

Trotz glänzender Gewinne, die die Branche zu einem großen Teil in Dividenden und den Rückkauf von Aktien steckte, ist ein Schatten auf die Multis gefallen - ausgelöst ausgerechnet durch das Unternehmen mit dem konservativsten Image: Royal Dutch/Shell. Der Skandal um das jahrelang vertuschte Missmanagement bei der Bewertung der Öl- und Gasreserven kostete nicht nur viele Top- Manager den Job. Nach Protesten der Aktionäre erhält Shell auch eine neue Struktur. Die seit der Gründung des Konzerns vor knapp 100 Jahren getrennt operierenden Konzernschwestern Royal Dutch und Shell Transport Trading werden voraussichtlich 2005 fusioniert.

Der Skandal um die Shell-Reserven, die der Konzern um fast ein Viertel nach unten korrigieren musste, hat bei vielen Anlegern ein schales Gefühl hinterlassen. Der Fall hat ein Schlaglicht auf die international sehr unterschiedlichen Standards für die Reservenbewertung geworfen und Zweifel an den Angaben der Konzerne genähert. Es gebe eine starke Verunsicherung unter Anlegern, sagt etwa Eric Knight, Managing Director von Knight Vinke Asset Management.

Wie stark die Angaben abweichen können, machte zuletzt das Beispiel des norwegischen Öl- und Gasfelds "Ormen Lange" deutlich, an dem ein Konsortium aus BP, Shell, Norsk Hydro und Statoil beteiligt waren: Beim nun erfolgten Ausstieg von BP fiel auf, dass der britische Konzern im Unterschied zu den Partnern für seinen Teil eine wesentlich höhere Menge als die bereits nachgewiesenen Reserven deklariert und damit den Preis nach oben getrieben hatte.

Während Shell bei seiner Bewertung den strengen Standard der US-Finanzaufsicht SEC zu Grunde gelegt hat und nur 20 Prozent der vorhandenen Resourcen als Reserven einstuft, folgte BP einem anderen Prinzip, das in der Branche weit verbreitet ist: dem PP-Standard. Danach genügt es, dass das Öl gefördert werden kann und einen Abnehmer hat. Die Folge: BP verbuchte 80 Prozent der "Ormen Lange"-Ressourcen als nachgewiesene Reserven.

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