Ein Spaziergang durch die slowakische Hauptstadt
Stephanskrone auf der Kirchturmspitze

Beim Bummel durch Bratislava wird auf Schritt und Tritt die slowakische, deutsche und ungarische Vergangenheit sichtbar

BRATISLAVA. Auch in der slowakischen Hauptstadt büffeln junge Leute heutzutage vor allem Englisch, um sich im neuen Europa orientieren zu können und beruflich voran zu kommen. Viele lernen auch Deutsch, da das deutschsprachige Ausland gleich vor der Haustür beginnt. Ohnehin hat das Erlernen von Sprachen in Bratislava eine große Tradition.

Bis 1945 war die Stadt regelrecht dreisprachig, da hier selbst im Alltag neben Slowakisch auch Deutsch und Ungarisch gesprochen wurde. Vor 1918 gehörte die Slowakei tausend Jahre lang zu Ungarn bzw. zur österreich-ungarischen Doppelmonarchie, bildeten die Deutschen zeitweise die Mehrheit der Bevölkerung in Bratislava. Seit die Slowakei 1993 ein eigener Staat wurde, ist man sich gerade in der Hauptstadt der vielfältigen Wurzeln wieder bewusster geworden. So hat auch jeder der drei Stadtnamen seine historische Berechtigung: Bratislava, Poszony, Preßburg.

Ganz falsch wäre es auch, die slowakische Sprache einfach als tschechischen Dialekt abzutun, wie das im Westen vielfach geschah, solange Tschechen und Slowaken noch in einem gemeinsamen Staat wohnten. Andererseits ist das Slowakische als Schrift- und Kultursprache relativ jung, auch wenn es schon seit Jahrhunderten in verschiedenen Dialekten auf dem heutigen Staatsgebiet gesprochen wurde. Ende des 18. Jahrhunderts gab es die ersten Versuche zu einer Fixierung der slowakischen Sprache. 1852 führten die Bemühungen einer Gruppe von Schriftstellern um Ludovit Stur zu einer endgültigen Kodifizierung, die mit geringfügigen Änderungen bis heute gültig ist.

Wer durch das Zentrum von Bratislava und besonders durch die Altstadt geht, kommt den multikulturellen und vielsprachigen Traditionen schnell auf die Spur. Hoch oben über der Donau thront die Burg, die Kaiserin Maria Theresia und andere österreichische und ungarische Herrscher zu ihrer Residenz und Schatzkammer machten. Die Burg ist auch Hauptsitz des Slowakischen Nationalmuseums, das über die Geschichte und Traditionen dieses Volkes Auskunft gibt. Auf dem Platz des Slowakischen Nationalaufstandes am Rande der Altstadt fanden im November 1989 große Kundgebungen statt, die zum Sturz des sozialistischen Regimes beitrugen. Der Platz erinnert zudem an die slowakische Partisanenbewegung.

Geradezu multikulturell ist die Tradition des Slowakischen Nationaltheaters, weil es früher auch das Stammhaus des Deutschen Theaters in Bratislava bzw. Preßburg war. Seit Errichtung des Gebäudes im Jahre 1886 fanden hier aber immer auch Aufführungen in Slowakisch und Ungarisch statt. Gelebte deutsche Geschichte in der Slowakei repräsentiert auch das Karpatendeutsche Museum, das als Abteilung zum Slowakischen Nationalmuseum gehört. Regelmäßig finden hier Treffen von Angehörigen der deutschen Minderheit statt. Schon im 12. Jahrhundert hatten sich die ersten Deutschen auf dem Gebiet der Slowakei niedergelassen.

Ein Symbol des alten deutsch-jüdischen Preßburg ist das Antiquariat Steiner in der Altstadt, das vor wenigen Jahren wieder eröffnet worden ist. Der Schweizer Historiker Martin Trancik hat über die Geschichte der Buchhändlerfamilie Steiner sogar ein Buch geschrieben, das in deutscher, slowakischer und in anderen Sprachen vorliegt.

Von diesem Antiquariat ist es nicht weit bis zum Holocaust Mahnmal, das an die Ermordung von 60 000 slowakischen Juden während des Zweiten Weltkriegs erinnert. Der Platz für das Mahnmal, an dem der Verkehr über die Stadtautobahn vorbeidonnert, wurde gewählt, weil hier früher die große Synagoge von Bratislava stand. Es entspricht der Tradition christlich-jüdischer Symbiose der Stadt, wenn in unmittelbarer Nachbarschaft der St. Martins-Dom steht.

Bis 1848 fanden in diesem Gotteshaus die Krönungen von insgesamt elf ungarischen Königen statt. Nach der Belagerung Budas durch die Türken wurden die königlichen Amtsgeschäfte und der Landtag nach Preßburg verlegt, das zwischen 1526 und 1784 sogar die Funktion der ungarischen Hauptstadt übernahm. Eine Gedenktafel an der Nordseite des Presbyteriums des Doms nennt die Namen der hier gekrönten Monarchen. Die Spitze des Kirchturms trägt nicht etwa ein Kreuz, sondern eine Nachbildung der Stephanskrone, die an den ungarischen König Stephan I. erinnert.

Mit einem Anteil von etwa 10 % sind die vor allem im Süden und Südosten des Landes lebenden Ungarn die größte Nationale Minderheit in der Slowakei. Ihre "Partei der ungarischen Koalition" (SMK) ist sogar an der jetzigen Regierung von Ministerpräsident Mikulas Dzurinda beteiligt. Nicht zuletzt wegen der widersprüchlichen Geschichte ist das alltägliche Zusammenleben zwischen Slowaken und Ungarn bis heute nicht ganz frei von Spannungen. Man darf z.B. nicht vergessen, dass vor 1918 die Unterrichtssprache an den meisten Schulen auf dem Gebiet der Slowakei ungarisch war.

Neben Slowaken, Ungarn und Deutschen leben auch Roma, Tschechen, Ukrainer, Polen, Russen, Ruthenen und Goralen in der Slowakei. Auch die unterschiedlichen Namen und Sprachen auf den Grabsteinen auf dem Andreas-Friedhof erinnern an das alte Preßburg. Angehörige der verschiedenen Nationalitäten und Bevölkerungsgruppen sind hier begraben. Allerdings nur die Mitglieder christlicher Religionsgemeinschaften, da es eben ein christlicher Friedhof war.

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