Archiv
Ein Tag in der Vorhölle

Jaisalmer House, einer von Delhis imposanten Kolonial-Palästen, heute verwahrlost wie das meiste, was der indische Staat in die Hände nimmt. Hier residiert das "Visa Facilitation Center", wie es am Eingang heißt.

Jaisalmer House, einer von Delhis imposanten Kolonial-Palästen, heute verwahrlost wie das meiste, was der indische Staat in die Hände nimmt. Hier residiert das "Visa Facilitation Center", wie es am Eingang heißt. Leider ist die Prozedur einer Visaverlängerung ist nicht so einfach, wie dies suggeriert. Jaisalmer House ist eine Prüfung. Es konfrontiert Ausländer mit der Frage: "Bist du dir sicher, dass du länger in Indien weilen willst? Wirklich sicher?"

9.30 Uhr. Wie Vieh in eine schmuddelige Ecke gezwängt, wartet eine schwitzende Masse Mensch auf den Beginn der Visa-Prozedur. Ein Thermometer zeigt trotz der frühen Stunde 38 Grad. Klimaanlage und Ventilatoren sind abgeschaltet. Die Luft steht. Kein Beamter in Sicht.

Um 10 Uhr schlurft einer herein und setzt sich unter einen schief angenagelten Papierfetzen, der verlangt "Bitte in einer Reihe anstehen!". Er verteilt Formulare. Die Menge stürmt, schiebt, drängt von allen Seiten auf den Mann ein und reißt ihm die Papiere aus der Hand wie Bargeld. Der Beamte verschwindet. Die Hitze steigt. Die Menge beginnt zu riechen.

11 Uhr. Ein Junge schleicht herein und schaltet eine Klimaanlage an, die über einem riesigen Schreibtisch thront. Der Chef kann also nicht mehr weit sein. Ich halte den Blick auf das Thermometer gerichtet und verfolge ungeduldig, wie es fällt. 37 Grad. 36. 35. 34. Bei 33 Grad tritt Herr Prabhakar auf, durch eine Hintertür. Er ist schlecht rasiert. Und schlecht gelaunt. Der Saal stürzt sich auf ihn wie auf den Messias und lässt alle Zivilisationsgewohnheiten fahren. Nur eiskaltes Ellenbogen-Checking gegen eine Gruppe vollbärtiger Afghanen mit einem Harem verschleierter Frauen im Schlepptau bewahrt vor dem Schicksal, länger als nötig in dieser Vorhölle ausharren zu müssen. Ich strecke ihm mein Formular mitten ins Gesicht und rufe: "Meines zuerst!" Mit einer unnachahmlichen Geste tiefer Verachtung wirft er es mir zurück unter die Nase und raunzt "Hier unterschreiben!" Dann sammmelt er den Rest ein und verschwindet.

Bis 16 Uhr hat sich nichts getan. Die Innentemperatur ist zurück bei 37 Grad. Die Wartenden haben sich nach Nationen gruppiert. Die meisten stammen aus Bangladesch, Pakistan, Afghanistan und Iran. Außerdem gibt es ein Dutzend Hippies in Jesuslatschen mit Rasta-Frisuren. So international ist Indien. Die Afghanen schweigen und bewegen sich keinen Millimeter. Die redseligen Bangladeschis und Pakistanis tratschen und fächern sich Luft zu. Die Zivilisationsflüchtlingen und Sinnsucher aus dem Westen tauschen Infos aus über Ashrams und Gurus. Zwei extrem blasse, extrem junge Teenager in königsblauen Saris schlafen auf zerfransten Sesseln, ausgelaugt von der Hitze, vielleicht auch zugekifft. Die anderen Westler haben feuerrote Gesichter von der Hitze. Einige sehen herzinfarktgefährdet aus.

Um 17 Uhr fangen die Beamten im Jaisalmer House an, ihre Büros abzuschließen und nach Hause zu gehen. Die Furcht, am nächsten Tag wieder kommen zu müssen, treibt mehrere Wartende auf eine Expedition durch die labyrinthischen Gänge, um Herrn Prabhakar aufzutreiben. Die rückwärts gelegenen Teile des Gebäudes sehen aus wie nach einem Krieg. Zersplitterte Fensterscheiben, Dreck, modernde Wände, ein Büro ist ausgebrannt, auf dem Gang davor stapeln sich Kästen mit verkohlten Papieren. In den anderen Räumen sitzen Beamte inmitten grotesk großer Aktenstapel. Sie können sich nicht verstecken, alle Büros haben Fenster zu den Gängen. Aber keiner arbeitet. Dafür haben alle Zettel an ihre Türen geheftet mit der Warnung: "Keine Anfragen! Nicht stören!" Herr Prabakar sitzt in Raum 19, trinkt Tee, und droht, wer ihn störe, bekäme den Visumsantrag abgelehnt. Die Vorhut flüchtet zurück in den Warteraum .

Um 18 Uhr ist es so weit. Herr Prabhakar händigt ein paar Aufenthaltsverlängerungen aus. Ich bin dabei. Dann geht er nach Hause. Die anderen haben Pech und müssen morgen wieder kommen.

Im nachhinein scheint plötzlich alles leicht. Warten, drängeln, Formular grapschen, warten, drängeln, abgeben, warten, fertig. Mich beschleicht der Verdacht, wenn ein Inder in Deutschland sein Visum verlängern will, könnte es komplizierter sein. Dafür ist die Umgebung angenehmer. Und er entkommt der Demütigung, die Indiens Bürokraten allen vermitteln, die mit ihr zu tun haben. Zumindest wünsche ich jedem Ausländer, der in Deutschland auf eine Behörde muss, dass die Beamten dort den Inder in sich bändigen.


Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%