Ein Talisman namens Kennedy
Polit-Dynastie zieht Zauberkreis um Al Gore

Sie ist keine besonders gute Rednerin und hat keine Ambitionen auf ein politisches Amt. Doch wenn Caroline Kennedy Schlossberg die Stimme erhebt, lauschen die Menschen gebannt, dann geht ein Raunen durch die Menge.

afp LOS ANGELES. Die Tochter des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, Nichte des bei einem Attentat getöteten Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy und Schwester von JFK Junior symbolisiert die Tragödien und Triumphe von Amerikas berühmtester politischer Dynastie wie kein anderer Spross ihrer Familie. Die Kennedys sind der Talisman der US-Demokraten, auf den seit Dienstag auch Al Gore zählen kann.

In nur acht Minuten zog Caroline Kennedy Schlossberg den Zauberkreis ihres Clans um den demokratischen Präsidentschaftsbewerber. Gores Eltern Albert und Pauline hätten ihren Anteil daran gehabt, dass sich John F. und Jacqueline Kennedy kennenlernten, berichtete sie den Delegierten. Der Vizepräsident sei mit denselben Werten wie sie selbst aufgewachsen: "Wir beide wurden dazu erzogen, daran zu glauben, dass wir die Welt neu machen können, wenn wir es nur versuchen", sagte die Frau im schlichten elfenbeinfarbenen Kleid, geschmückt mit einer einfachen Perlenkette.

Die Stimme der 42-jährigen Anwältin zitterte ein wenig, als sie an ihre Kindheit und an ihren Bruder John F. Kennedy Junior erinnerte, der vergangenes Jahr bei einem Flugzeugabsturz getötet worden war. "Es ist Zeit, dass wir mehr von uns verlangen", sagte sie. Es gelte zu beweisen, dass der Appell ihres Vaters nach einem Aufbruch zu neuen Ufern ein zeitloser Ruf gewesen sei. "Einer von jenen, der den Ruf hörte, war Joe Lieberman", sagte sie über den demokratischen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten.

Kennedys Los Angeles in ihrem Bann

In Los Angeles haben die Kennedys an vielen Plätzen ihre Spur hinterlassen: Im alten Sportstadium, dem Memorial Coliseum, wurde JFK vor 40 Jahren zum Präsidentschaftskandidaten gekürt. Er gewann die Nominierung damals knapp, ebenso wie einige Monate später die Wahl gegen den Republikaner Richard Nixon. Im Ambassador-Hotel fielen 1968 nach einer Wahlkampfveranstaltung die tödlichen Schüsse auf seinen Bruder Robert F. Kennedy. "Die Kennedys halten uns auf außergewöhnliche Weise in ihrem Bann", sagt der Historiker Robert Dallek. "Sie sind und bleiben unsere königliche Familie."

Die Tochter von JFK war nicht die einzige Kennedy, die diese Woche auf dem Konvent ihre Unterstützung für Gore demonstrierte. Ihre Kusine Maria Shriver, verheiratet mit Arnold Schwarzenegger, saß am Dienstag im Publikum. Die Vettern Robert F. Kennedy Junior, ein Umweltschützer, und Patrick Kennedy ergriffen ebenso das Wort wie die Vizegouverneurin von Maryland, Kathleen Kennedy Townsend. Die Halle tobte, als ihr Onkel Ted Kennedy ans Rednerpult trat. Der linksliberale Senator ist einer der Dinosaurier des linken Parteiflügels. "Ich war Zeit meines Lebens ein Demokrat, und ich bin stolz darauf", betonte der letzte überlebende Bruder von JFK.

Zwar verabschiedeten die Demokraten am Dienstag zum dritten Mal seit 1992 ein Parteiprogramm, das sich nach bester Clintonscher Manier an die politische Mitte richtet. Doch die Herzen der meisten Delegierten in Los Angeles schlagen weiter links; sie fühlen sich bei Rednern wie Ted Kennedy oder dem schwarzen Bürgerrechtler Jesse Jackson erst so richtig heimisch.

Al Gore war zwölf Jahre alt, als JFK vor 40 Jahren für die Präsidentschaft nominiert wurde. Er hörte manchmal am Telefon mit, wenn sein Vater Albert, der Senator von Tennessee, einen Anruf von Kennedy bekam. So mancher bezweifelt aber, dass der Zauber der Kennedys auf ihn abfärben kann. "Er ist selbst nicht gerade magisch", meint der 75-jährige Paul Schrade, der 1968 beim Attentat auf Robert F. Kennedy verletzt wurde. Ein anderer Zeitzeuge, der Fotograf Jacques Lowe, ist ähnlich skeptisch. "Die Zeiten waren damals so anders, so wunderbar, so hoffnungsvoll", sagte er. "Ich glaube nicht, dass man das zurückbringen kann.

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