Ein Teamchef verheddert sich im Internet und leistet teilweise Abbitte
Die Gelegenheit verpasst, still zu sein

Der arme Rudi Völler. Fast jeden Tag eine Pressekonferenz und Fernsehinterviews. Mal einigermaßen schlaue, öfter überflüssige Fragen. Manchmal gehaltvolle Antworten, oft überflüssige. Am Dienstag aber lief die Schau etwas anders ab.

SEOGWIPO. Da erzählte der gute Onkel mit den grauen Locken jene Geschichte, die die Menschen in Deutschland aufschrecken ließ, weil sie ihren lieben Verwandten bei der Nationalelf so noch gar nicht kannten. Eine Geschichte, die sogar unter Südkoreanern für ziemliche Aufregung sorgte, weil ihr Idol beleidigt worden war.

Also, das war so: "Ich bin im Hotel am Michael Ballack vorbeigekommen, der gerade vorm Computer saß. Der hat so ein bisschen im Internet gesurft, so ist das heute ja. Da habe ich ihm über die Schulter geschaut und gesehen, was da so in den Zeitungen über uns geschrieben wurde. Habe gesehen, dass Bum Kun Cha gesagt hat, dass er noch nie so ein schlechtes Spiel von der deutschen Nationalmannschaft gesehen hat wie gegen Paraguay. Dann sah ich, dass uns auch Thomas Berthold kritisiert hat. Da habe ich nur gedacht: Hoppla, wenn jetzt schon der Berthold seinen Kommentar über uns in Deutschland abgeben darf."

Tja, nach der Lektüre im weltweiten Netz war der Teamchef alles andere als in Hochstimmung. Und als Sat 1 ihn dazu befragte, platzte es aus ihm heraus. Cha ist bekloppt, Berthold auch, die Engländer sowieso. Ach ja, und der Cha habe ja wohl zu viel Aspirin geschluckt. Damals, als der Südkoreaner in Leverkusen bei Bayer gespielt hat. Und die ehemaligen Nationalspieler wie Berthold, vor allem der, die hätten wohl einen Kopfball zu viel gemacht. Völler als Polter-Rudi, das hatten wir in der Öffentlichkeit noch nicht. "Ich bin eben auch nur ein einfacher Mensch. Dabei versuche ich immer, mich einigermaßen im Griff zu behalten", setzte Völler zur Selbstanalyse an. Dabei, so erzählte er weiter, habe er noch vor der Weltmeisterschaft mit Franz Beckenbauer gesprochen. Dessen gut gemeinter Rat: Aufs Wesentliche im sportlichen Bereich konzentrieren, nicht so viele Zeitungen lesen.

"Wenn ich ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen bin, tut es mir Leid. Bum Kun Cha ist mein alter Kumpel, auch zu seiner Frau habe ich ein gutes Verhältnis", gab sich der Trainer in Sachen Cha reuig. Nicht so im Fall Berthold. "Da ist das anders. Mein alter Spezi, mit dem habe ich alles geteilt, nicht nur das Zimmer", berichtete Völler von einem Ex-Freund. Sein Vorwurf: "Er hat die Gelegenheit verpasst, still zu sein." Um nach kurzer Pause festzustellen: "Ich allerdings auch." Dann gab es noch etwas Grundsätzliches zu sagen: "Auch wenn es einigen nicht gefällt, ich werde mich immer vor die Mannschaft stellen und sie bis ins letzte Detail schützen."

Nach all diesen Sätzen voller Gewicht, Einsicht und der Bitte um Nachsicht ging es dem prinzipiell lieben Onkel Rudi wieder besser, und doch weiß er nicht so recht, warum die Zeiten so sind wie sie sind. "Manchmal frage ich mich schon: Was wollen eigentlich alle von uns?" Zugegeben: Es sind schon dümmere Fragen bei einer Pressekonferenz der Nationalelf gestellt worden.

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