Ein Torhüter spielt seine eigene WM
Der große Kahn

Keiner ist wie Kahn. Keiner im deutschen Kader tritt auf wie er, keiner ist so cool, so motiviert und so souverän auf dem Platz. Einer wie er kennt keine Schmerzen - außer beim Lachen.

SEOGWIPO. Kaum ein Blatt, das nicht vor der Weltmeisterschaft eine große Kahn-Geschichte gemacht hat. Beim Herrenmagazin "GQ" war der Torwart der Nationalelf genauso auf dem Titel wie bei "Mobil", dem Heft der Deutschen Bahn. Die trendigen Männer von heute wurden über "Super-Olli" genauso informiert wie die Zweite-Klasse-Fahrgäste im heruntergekommenen Interregio. Und sie alle erfuhren das, was die Nation ohnehin schon wusste. Kahn ist der Beste, der Größte, der Intelligenteste, der Ehrgeizigste, der Unglaublichste.

Jetzt ist Oliver Kahn angeblich nicht mehr nur Kahn, sondern so etwas wie "Kahnissimo" - der "Spiegel" titelte seine Story treffend mit "Allein ganz oben". Sollte Deutschland am 30. Juni Weltmeister werden, was vor allem Kahn nicht ausschließt, wäre es in erster Linie der Triumph des Keepers und erst in zweiter der Sieg der Mannschaft. Es wäre sein Titel. Ungerecht? Nein, beileibe nicht.

Ohne den 33-Jährigen, so die allgemeine Überzeugung, hätte die deutsche Elf nicht einmal die Vorrunde überstanden. Ohne ihn hätte es das Gerede von der wahnsinnigen Harmonie im Kader nicht gegeben, das inzwischen so oft wiederholt worden ist, dass jeder daran glaubt. Ohne das lebende Beispiel Kahn würde es die Öffentlichkeit kaum für möglich halten, dass aus einem übermotivierten Fußballer ein Mensch werden kann - noch dazu einer, der im Laufe seiner ungewöhnlichen Karriere die Wandlung zu einem ernst zu nehmenden Zeitgenossen geschafft hat.

Reifer, klüger und gelassener

Das jedenfalls ist der Eindruck, den die Berichterstattung erweckt. "Wenn du nicht ganz doof bist, merkst du, dass sich irgendwann die Werte verschieben", hat er gesagt. Er will verdeutlichen, dass er reifer, klüger und gelassener geworden ist. Dabei, so argwöhnen Kritiker, hat sich der Ferrari-Fahrer nur optisch gewandelt. "GQ" hat ihn in schicke Klamotten gesteckt. Lederjacke mit Cord-Kragen und so. Dazu ein Blick, der irgendwie abgezockt und doch sympathisch wirkt. Aber auch nicht zu abgezockt und nicht zu sympathisch.

Kahn hat ein Buch gelesen mit dem Titel "Das Prinzip Gewinnen". Mit einem Kapitel, das ihn besonders beeindruckt hat: "Niemals aufgeben." Ein Spruch hat es ihm besonders angetan. Er lautet: "Viele meinen, im Fußball ginge es um Leben und Tod. Stimmt nicht, es geht um viel mehr." Da ist was dran, sagt er.

Als er vor dem Achtelfinale gegen Paraguay von einem Fernsehjournalisten gefragt wurde, was er den deutschen Fans raten würde zum Frühstücksfußball (das Spiel wurde morgens um halb neun deutscher Zeit angepfiffen), löste das beim Mannschaftskapitän prompt erhöhte Temperatur aus. "Ich mache mir ja über alles Mögliche Gedanken, darüber aber noch nicht", raunte er. Spaß machen soll eine WM nicht, denn Lachen löst die Spannung, und das ist tödlich.

Es kann nur einen geben...

Auch die Diskussionen um Verletzungen einzelner Spieler nerven ihn. Kann er spielen oder nicht? "Bei einer Weltmeisterschaft gibt es normalerweise keine Schmerzen", entgegnet der Torwart dann. Dabei sieht er immer so aus, als ob es ihm weh tut, wenn er denn einmal lacht. Authentisch sieht es dann jedenfalls nicht aus, eher wie eine Pflichtübung. Zähneputzen muss sein, auch wenn ich keine Lust dazu habe.

In diesen seltenen Momenten des lachenden Kahns drücken die Fotografen wie wild auf den Auslöser. Sie sind auf der Jagd nach dem anderen, dem ungewöhnlichen Motiv, und dies ist eins. Am Dienstag bekamen sie es nicht. Der Torhüter sprach darüber, dass man im Viertelfinale gegen die USA "höllisch aufpassen muss". Kahns mahnende Erkenntnis: "Das sind patriotische Jungs, die alles für ihr Land geben." So wie er. Zumindest fast so wie er. Einen zweiten Kahn kann es nicht geben, der Mann ist nicht kopierbar.

Vor ein paar Jahren hat der Börsenfreak für das Handelsblatt akribisch ein Musterdepot ausgearbeitet. Seit er mit neuer Frisur und neuem Outfit durchs Leben wandelt, lässt er sich immer häufiger zu anderen Themen als Fußball befragen. Nun läuft es in der Werbung. Fünf Verträge hat er abgeschlossen, mit Ludwig Karstens einen Helfer für die Vermarktung verpflichtet. Im Radio gibt es eine Art Comedy-Serie über ihn wie sonst nur über den Kanzler - Titel: "Der große Kahn". Bei Johannes B. Kerner war er zum Plaudern, bei Sandra Maischberger hat er über Arbeitslosigkeit gesprochen. Anders als Stefan Effenberg im Playboy.

Einzelkämpfer im Team

So wie andere will er sowieso nicht sein. So wie Effenberg schon gar nicht. Er sieht sich als Einzelkämpfer in einem Mannschaftssport, er ist der Kapitän. Dass er jeden seiner rund fünf Millionen Euro jährlich bei Bayern München wert ist, das hat er oft genug betont. Man möge es ihm doch bittschön gönnen. Gestern stellte er fest: "Bei jeder WM schlägt uns der Neid des Auslandes entgegen. Ist nichts Neues." Soll Gelassenheit ausstrahlen. Cool, Kahn.

So cool, dass es sogar einen Song über ihn gibt. Die Popgruppe "Die Prinzen" hat ihn veröffentlicht. Darin heißt es: "Bordellbesuch und Drogenhandel sind nichts für Ollis Lebenswandel." Vermutlich haben sie Recht.

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