Ein Truppenbesuch
George Bushs härteste Krieger

In Amerika gelten sie als Helden. Die Soldaten der Spezialeinheiten haben den gefährlichsten Part im Krieg gegen den Terror. In Afghanistan durchkämmen sie das Höhlensystem Osama bin Ladens. Und wenn der Präsident es will, gehen sie morgen in den Irak. Ein Truppenbesuch.

Robert Rankin ist das, was die Amerikaner einen "tough guy" nennen. Mit schwarzem T-Shirt und Shorts steht der 43-jährige Oberfeldwebel trotz null Grad Kälte im Freien und feuert seine "Jungs" beim Dauerlauf an. Seine "Jungs", das sind die künftigen Mitglieder der US-Spezialeinheiten. Die neue Truppe hat von Präsident George W. Bush einen ganz bestimmten Auftrag: Sie soll den weltweiten Terrorismus schnell, lautlos und mit tödlicher Präzision ausrotten. Ein harter Job, für viele Amerikaner genauso wie für Rankin aber auch eine fast heilige Mission. Er unterrichtet an der Pope Air Force Base in Fayetteville im Bundesstaat North Carolina.

"300 Liegestützen pro Tag sind das Minimum", sagt der Unteroffizier. "Und wenn?s nicht schnell genug geht, kann ich schon mal etwas lauter werden." Rankin lächelt, doch seine kalten Haifischaugen verraten die Freude am Drill. In einem 13-wöchigen Kurs trimmt er 15 Soldaten im Alter von 18 bis 22 Jahren für ihren künftigen Einsatz. Das Programm umfasst 20-Kilometer-Märsche mit 30 Kilo Gepäck, Fallschirm-Absprünge über feindlichem Gelände sowie die Einweisung in modernste Flug-Navigationstechnik. So sind die Pope-Studenten innerhalb von einer Stunde in der Lage, eine Buckelpiste in der Wildnis als Landebahn zu kennzeichnen. Die Flieger der Luftwaffe orientieren sich dann an den aufgesteckten orangefarbenen Holzstäben. "Ich sage meinen Jungs: ,Was ihr hier im Training macht, macht ihr später auch im Kampf.?"

Rankin kennt nicht nur die Etappe. Im Somalia-Krieg 1993 lotste er amerikanische Hubschrauber durch die Häuserschluchten von Mogadischu und bekam dafür den Bronzenen Stern als Orden.

Wer Rankins Schule durchlaufen hat, ist fit für den Ernstfall. Der 29-jährige Unteroffizier Bill, der seinen Nachnamen aus Sicherheitsgründen verschweigt, kommt gerade aus Afghanistan zurück. Eine Woche nach den Terroranschlägen vom 11. September erhielt der ehemalige Pope-Absolvent den Einsatzbefehl für Kandahar. "Als ich die Bilder vom eingestürzten World Trade Center sah, packte mich die blanke Wut", sagt Bill.

Zwei Wochen danach war er im Süden Afghanistans. Ein geheimes US-Kommando hatte ihn von einem pakistanischen Stützpunkt aus eingeflogen. Bill bildete mit 60 Kameraden ein Boden-Team der Spezialeinheiten der Air Force. Ihre Aufgabe: Sie markierten mit Laserpistolen die Militäranlagen des Taliban-Regimes. So konnten amerikanische Bomber ab dem 7. Oktober feindliche Ziele massiv unter Beschuss nehmen. Ende Januar arbeitete Bill zeitweise mit deutschen KSK-Spezialeinheiten zusammen.

Kein Muffensausen? "Ein bisschen nervös war ich schon", bekennt Bill, bevor er anfügt, "aber nicht wirklich besorgt." Heroische Worte gehören zum Geschäft.

Auch der 30-jährige Unteroffizier Eric ist kein Mann der zaghaften Töne. "Wer soll denn die Freiheit gegen den Terrorismus verteidigen, wenn nicht wir?" fragt er. Aber eine wirkliche Frage ist es nicht. Eric gehörte zu einer Spezialeinheit der Luftwaffe, die die Höhlen in der Region Zawar Kili im Osten Afghanistans nach El-Kaida-Terroristen durchkämmte. "Es war stockdunkel, die Temperaturen lagen unter minus 20 Grad", erzählt Eric.

Mit Nachtsichtgeräten, einem M-4-Maschinengewehr sowie einem Überlebenspaket aus kalorienhaltiger Nahrung suchte die Gruppe mehrere Tage lang jeden Winkel der kilometerlangen Höhlen ab. Über ein tragbares Radio stand sie mit den in der Nähe kreisenden US-Flugzeugen in Verbindung. "Die Kollegen wussten durch das Satellitenortungs-System GPS jeden Moment, wo wir uns aufhielten." Eric und sein Team fanden Panzer, Granaten, Gewehre und Kleider. "Aber Osama bin Laden war nicht da. Das ist schon frustrierend." Die Soldaten fertigten Karten an. Danach gaben sie die Daten an die amerikanischen Bomber weiter, die das weit verzweigte unterirdische Tunnelsystem sprengten. Zum Schluss schütteten sie die restlichen Eingänge zu.

Doch nicht immer zählt nur Hochtechnologie. Der 40-jährige Hauptfeldwebel Bart Decker untersuchte monatelang das nordafghanische Bergland auf mögliche Landebahnen für US-Flugzeuge. Sein wichtigstes Hilfsmittel: ein Pferd. Tag und Nacht ritt Decker mit 30 Kilo Gepäck und einem Satelliten-Telefon durch das Umland der schwer umkämpften Stadt Masar-i-Sharif. "In diesem zerklüfteten Gelände kommst du mit keinem Fahrzeug weiter", sagt Decker.

Der schnauzbärtige Hauptfeldwebel erzählt von der damals oppositionellen Nordallianz, deren Kämpfer von unschätzbarem Wert gewesen seien. "Die Afghanen haben übersetzt und uns vor falschen Freunden gewarnt." Der schönste Moment war für Decker, als er durch das befreite Masar-i-Sharif lief. "Die Leute hielten auf der Straße an und klatschten spontan Beifall."

Solche Erfolgserlebnisse sind selten. Und der Weg dahin führt durch eine schier endlose Knochenmühle. Die Ausbildung für die Spezialeinheiten der Luftwaffe gilt als eine der härtesten des gesamten US-Militärs. In eindreiviertel Jahren werden die Soldaten einer Serie von physischen und psychischen Dauertests unterzogen. In der Wüste von Arizona müssen sie im Windkanal unter extremsten Bedingungen Fallschirm springen. In den Weiten des Bundesstaates Washington sollen sie sich allein und ohne technische Hilfsmittel durchschlagen. In Florida heißt es, sich aus einem gesunkenen Flugzeug zu befreien.

"Das Geheimnis besteht darin, dass sich die Jungs als Teil von etwas Größerem begreifen", betont Oberfeldwebel Rankin von der Pope Air Force Base. Zweifel an der Afghanistan-Mission hat der Kriegsheld von Somalia nicht. "Die Definition des Einsatzes ist Sache des Präsidenten und seiner Berater. Wir tun das, was wir tun müssen - notfalls auch im Irak." John Wayne hätte das nicht entschlossener sagen können.

Die Menschen in der 125 000-Einwohner-Stadt Fayetteville sind stolz auf ihre Soldaten. Die Begeisterung in der Region geht sogar so weit, dass ganz normale Bürger an Militär-Übungen teilnehmen. Viermal pro Jahr dürfen Zivilisten bei diesen Kriegsspielen als Guerilla-Kämpfer mitmachen. Spezialeinheiten aus dem benachbarten Truppen-Standort Fort Bragg müssen versuchen, Widerstandsnester im Feindesland auszuschalten.

Vor gut einer Woche kam es jedoch bei einer solchen Übung zu einem tödlichen Unfall. Zwei Soldaten aus Fort Bragg saßen in Jeans und Flanellhemd im Auto eines Zivilisten. Ein Polizist hielt das Fahrzeug an. Die Militärs dachten, er sei Teil des Guerilla-Szenarios und wollten ihm die Waffe abnehmen. Daraufhin erschoss der ahnungslose Ordnungshüter einen Soldaten und verletzte den anderen schwer. "Seit dem 11. September ist die Atmosphäre völlig aufgeheizt", klagt John Taylor, pensionierter Offizier der Nationalgarde in Fayetteville. Dennoch werden derlei Aktionen weiterhin stattfinden. Einzige Änderung: Die Soldaten müssen in Zukunft Uniform tragen.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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