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Ein unbequemer Intellektueller: Oskar Negt wird 70

Hannover (dpa) - Als Bundeskanzler Gerhard Schröder in Hannover unlängst seinen 60. Geburtstag feierte, stand neben Prominenten aus Sport, Kultur und Showgeschäft auch einer der einflussreichsten politischen Intellektuellen in Deutschland auf der Gästeliste: der Soziologe Oskar Negt. An diesem Sonntag (1. August) hat der Schüler von Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas nun selbst Grund zum Feiern: Der frühere kulturpolitische Berater des Kanzlers wird 70.

Hannover (dpa) - Als Bundeskanzler Gerhard Schröder in Hannover unlängst seinen 60. Geburtstag feierte, stand neben Prominenten aus Sport, Kultur und Showgeschäft auch einer der einflussreichsten politischen Intellektuellen in Deutschland auf der Gästeliste: der Soziologe Oskar Negt. An diesem Sonntag (1. August) hat der Schüler von Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas nun selbst Grund zum Feiern: Der frühere kulturpolitische Berater des Kanzlers wird 70.

«Ich habe Oskar Negt stets als kritischen Gesprächspartner geschätzt», urteilt Kanzler Schröder. «Negt sitzt nicht einfach in seinem Elfenbeinturm, um dicke Bücher zu schreiben, sondern hat sich stets auch in die gesellschaftspolitische Debatte eingemischt. Ich hoffe, dass wir noch viele politische Diskussionen führen werden.» Schröder wird an der Geburtstagsfeier am 21. August im Leibnizhaus Hannover teilnehmen.

Schon vor zehn Jahren - Schröder war damals noch Ministerpräsident in Niedersachsen - hatte Negt an der Regierungserklärung des späteren Bundeskanzlers mitgearbeitet. Im Bundeswahljahr 1998 reihte sich der frühere Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition und emeritierte Professor dann neben Theater-Intendant Jürgen Flimm und Pop-Star Marius Müller-Westernhagen in die Riege von Schröders kulturpolitischen Beratern ein.

Gemeinsam mit anderen linken Intellektuellen forderte Negt vor der Wahl 2002 in einem Buch «eine zweite Chance» für Schröder, damit dessen begonnenes Reformwerk kein «unvollendetes Projekt» bleibe. Gleichwohl geizte der stets unbequeme Intellektuelle niemals mit konstruktiver Kritik: «Nicht für alles, was die Regierung angefangen hat, zeige ich Verständnis», sagte Negt damals. Außenpolitik und Ökologie zum Beispiel habe die rot-grüne Politik einen hohen Rang verliehen, Lösungen für die Probleme des Arbeitsmarktes hingegen zu spät und vor allem nicht entschieden genug auf den Tisch gelegt.

Im Juli 2002 hielt der einer ostpreußischen Bauernfamilie entstammende Wissenschaftler nach 31 Jahren Lehrtätigkeit an der Universität Hannover seine Abschiedsvorlesung. Das Thema: «Sein und Sollen. Ein Epochengespräch zwischen Marx und Kant» - Ausdruck einer lebenslang währenden Faszination für den Sozialismus und seine Vordenker.

Als der 1945 mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtete Negt während der Studentenrevolte 1968 zu einem der Wortführer avancierte, schlugen konservative Medien Alarm: Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hielt ihn sogar für «gefährlicher als die Sprengstoffanschläge der Baader-Meinhof-Gruppe». Wegen seiner Mitgliedschaft im Sozialistischen Studentenbund wurde er damals - Ironie der Geschichte - aus der SPD ausgeschlossen. Als Mitinitiator des «Sozialistischen Büros» versuchte er später erfolglos, die zersplitterte Linke in der Bundesrepublik zu koordinieren.

Auch die Zukunft von Bildung und Forschung indes lag dem Sozialwissenschaftler, den Gastprofessuren nach Bern, Wien und in die USA führten, stets besonders am Herzen. Reformpädagogische Reputation erwarb er sich mit der 1972 in Hannover gegründeten Glockseeschule, die auf Projektunterricht und exemplarisches Lernen setzt.

Seit der Regierungsübernahme durch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) bereitet dem streitfreudigen Wissenschaftler nun vor allem dessen knallharter Sparkurs Sorgen. Ausgerechnet das hannoversche Institut für Soziologie nämlich ist von der Schließung bedroht - für Negt eine willkürliche und allein politisch begründete Maßnahme: «Das macht mich nicht nur ratlos, sondern wütend.»

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