Ein Viertel der Mitarbeiter muss gehen – TV-Produktionsfirma will sich als unabhängiger Anbieter etablieren
Entlassungswelle bei Kirch-Produzent Plazamedia

In der Fußball-Bundesliga ist an der Plazamedia GmbH bislang niemand vorbei gekommen. Die Münchener Kirch-Tochter produzierte sämtliche Fußball-Fernsehbilder der Ersten und Zweiten Liga.

MÜNCHEN. Damit könnte bald Schluss sein: Derzeit ist völlig offen, ob die Rechte auch in der nächsten Saison bei der insolventen Kirch Media bleiben. Damit ist unsicher, ob Plazamedia weiter für die Übertragung sorgt.

Die Chefs des Münchener TV-Dienstleisters versuchen deshalb, ihr Unternehmen auf die unsichere Auftragslage einzustellen. Erste Maßnahme: Rund ein Viertel der 320 Stellen werden in den nächsten Wochen gestrichen, sagte Plazamedia-Geschäftsführer Frank Meißner dem Handelsblatt. Damit folgt Plazamedia Kirchs Sportkanal Deutsches Sportfernsehen (DSF), der 112 Jobs abbauen will. Das DSF ist eine 100-Prozent-Tochter von Kirch Media und wiederum 100 %-Eigentümer von Plazamedia.

Seit der Insolvenz von Kirch Media vor fünf Wochen müssen Töchter wie DSF und Plazamedia finanziell auf eigenen Beinen stehen. Die profitable Plazamedia plant deshalb eine Zukunft ohne Hilfe aus dem Konzern und mit weniger Aufträgen aus dem Kirch-Imperium. "Momentan rechnen wir verschiedene Szenarien durch und erarbeiten dafür Geschäftspläne. Wir müssen auf alle Ereignisse vorbereitet sein," so Meißner. Das Ziel ist klar: Das Unternehmen soll als neutraler Dienstleister auftreten, betont Florian Nowosad, der seit 1998 an der Spitze der Firma steht. Bislang produzierte Plazamedia hauptsächlich Sportprogramme für Kirch-Sender, also DSF, den Pay-TV-Kanal Premiere sowie die Pro Sieben Sat 1-Gruppe. Die Fußball-Bilder kaufen allerdings auch alle anderen Kanäle hier zu Lande in der Zweitverwertung.

Ob mit oder ohne Bundesliga-Übertragungen: Dass die Einnahmen künftig weniger üppig fließen werden, steht fest. Premiere als wichtigster Auftraggeber muss kräftig sparen, da das Unternehmen tief in den roten Zahlen steckt. Premiere-Chef Georg Kofler streicht zahlreiche Sportarten aus dem Programm, so dass Plazamedia weniger übertragen kann.

"Bei weniger Aufträgen brauchen wir natürlich auch weniger Leute", macht Meißner eine einfache Rechnung auf. Mehr noch als die fest angestellten Beschäftigten trifft das die bis zu 800 freien Mitarbeiter, die im vergangenen Jahr 750 Fußballspiele und 150 Eishockey-Partien auf die Bildschirme brachten.

Jetzt hoffen die Bayern, als Ausgleich im Show- und Filmgeschäft stärker mitmischen zu können. "TV-Sportproduktionen stellen durch ihre Komplexität und den Live-Charakter höchste Anforderungen. Diese Kompetenz ist auch bei Entertainment-Produktionen enorm wichtig. Wir haben zum Beispiel mit Shows wie Glücksrad und Quatsch Comedy Club auch heute schon langjährige Erfahrung", ist Nowosad vom Erfolg der neuen Strategie überzeugt. Plazamedia tritt damit allerdings gegen wesentlich größere Konkurrenz an wie die Münchener Bavaria Filmstudios oder das Studio Hamburg.

Vor allem aber muss es Meißner und Nowosad gelingen, Aufträge der öffentlich-rechtlichen Sender und von RTL zu bekommen. Vergangenes Jahr flossen nach eigenen Angaben von rund 120 Mill. Euro Umsatz nur 10 % aus Quellen außerhalb von Kirch.

Dass die Bundesliga bis zum Beginn der nächsten Spielrunde einen eigenen Liga-Kanal etabliert, halten Branchenexperten wie Premiere-Chef Kofler für nahezu unmöglich. Auf den technischen Vorsprung setzt auch Meißner: "Selbst wenn Kirch die Rechte verlieren sollte, wäre jeder Rechteinhaber gut beraten, Kontakt zu uns aufzunehmen. Unsere Live-Sport-Kompetenz ist einmalig. Es wird wohl kaum jemand gelingen, bis zum Start der nächsten Saison ein vergleichbares Know-how aufzubauen."

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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