"Ein wirklich schönes Auto"
Maschinenbau trifft Leidenschaft

Lässt sich ein Audi-Fan zum Alfaristi bekehren? Kann man einem Techniker mit Mythen kommen? Carl Mühlner, Ingenieur und Chef von Tiscali Deutschland, testet den neuen Alfa Romeo Spider - und lässt sich überzeugen. Fast.

Wenn die Sonne scheint und der Fahrtwind kitzelt, man im offenen Alfa Romeo durch die Straßen kreuzt, dann robbt sich selbst Egelsbach im Taunus näher ran an den Traum von Bella Italia. Doch Carl Mühlner erliegt dem Charme des Cabrio-Klassikers nicht ganz, der da unter seinem Po brummt: "Ziemlich viele Luftverwirbelungen", bemerkt er trocken. "Ein bisschen wie mein Volvo - nur ohne Windschott."

Der technische Tonfall überrascht nicht: Der Mann, der die Geschicke des italienischen Internet- Zugangsanbieters Tiscali in München und Frankfurt lenkt, ist Ingenieur. Studiert hat er in München Maschinenbau, bevor er zu Intel in die IT-Branche wechselte. Seit 2000 ist er Deutschlandchef des zweitgrößten europäischen Internet-Unternehmens Tiscali. Und nun steuert er für das Weekend Journal ein Fahrzeug, dessen Name schon vor der Internet-Zeit die Herzen der Autofans erwärmte: den Alfa Spider, genauer gesagt den 2.0 JTS.

Italienische Solidarität darf der Design-Keil trotz Mühlners Arbeitgeber nicht erwarten: "Dafür müsste man erst mal einen richtigen Windschutz konstruieren."

Dieser Spider ist das eingeführte Modell, wurde aber optisch und technisch aufpoliert. Ein letztes Facelift, um die Alfaristi bei Laune zu halten. Die Baumeister aus dem Mailänder Stadtteil Portello haben dem Jahrgang 2003 den aggressiven Schnabel des beliebten Kompaktwagens 147 verpasst, inklusive Doppelleuchten. Der 16-Ventiler unter der lang gezogenen Haube treibt sonst die 156er-Modelle an.

Carl Mühlner hat sich auf die Ausfahrt mit dem Weekend Journal gefreut. "Alfa", sagt er träumerisch, "da ist die Erwartungshaltung groß." Auf dem Parkplatz der Geschäftskundensparte Tiscali Business GmbH in Dreieich bei Frankfurt inspiziert er den Wagen zunächst einmal gründlich von au-ßen. "Vom Design her ist er nicht schlecht", sagt er und tritt ein paar Schritte zurück: "Ziemlich großer Radstand. Bullig und aggressiv, das gefällt mir."

Dann öffnet er das Verdeck - und schon handelt sich der Italo-Flitzer Minuspunkte ein: Von Hand muss Mühlner die Arretierung lösen, zwei simple, schwarz-lackierte Metallhaken. "Ich bin sonst den Volvo C 70 gewöhnt. Da muss man gar nichts entklemmen." Es versöhnt ihn nur wenig, dass das Verdeck automatisch in den Kofferraum gleitet.

Auch bei weiteren technischen Details entdeckt Maschinenbauer Mühlner Nachlässigkeiten: Der Schlosszylinder der Beifahrertür steckt in einem ausgestanzten Loch, die Verkleidung ist einfach von innen aufgeschraubt: "Erinnert mich an meinen alten Golf 1", lästert Mühlner süffisant. "Das macht man heute eigentlich nicht mehr so. Alles wirkt ein wenig gestöpselt - die Mittelkonsole zum Beispiel stammt wahrscheinlich aus einem anderen Fahrzeug."

Er wundert sich, dass Tachometer und Verkleidungen mit Imbusschrauben befestigt sind, freut sich aber über die "kluge Lösung" mit den Doppelleuchten: Unter den runden Ausschnitten in der Motorhaube stecken durchgängige Gläser. Überhaupt, betont Mühlner, sollte man seine Nörgelei nicht allzu ernst nehmen. Erstens ist Alfa für die nonchalante Verarbeitung berüchtigt und wird deshalb von wahren Enthusiasten nur umso heißer geliebt. Und zweitens "bin ich einfach überkritisch, mit meiner Technikverliebtheit".

Mühlner ist ein Elektronik-Freak, der mit 15 Jahren den ersten Walkman gebaut haben will: "Das war Anfang der 70er, noch vor Sony." Klein Carl hatte einen Philipsrekorder auseinander genommen und aus dem Chassis eine Schachtel gemacht, die man zusammenschieben konnte. "Leider lief er nur eine Stunde. Dann musste man ihn ganz auseinander schrauben, um die Batterien zu wechseln."

Und so einer testet jetzt die Fahreigenschaften des Alfas: "Die Lenkung ist schön direkt, die Kurvenlage gut", lobt er auf der pittoresken Landstraße bei Egelsbach. Er vermisst aber den Biss, den er von einem italienischen Sportwagen erwartet hätte. Erst als er dem Spider auf einer langen Geraden tüchtig die Sporen gegeben hat, ändert er seine Meinung: "Er ist jetzt freier", sagt der gebürtige Franke zufrieden. "Man hat das Gefühl, man quält ihn ein bisserl, aber ich glaube, er braucht das."

Inzwischen fallen ein paar Regentropfen, Mühlner fährt rechts ran und schließt das Verdeck: Haken einklemmen - fertig. Das geht ihm jetzt schon leichter von der Hand. Auf der Autobahn dreht er den Motor so hoch es geht. "Ich habe noch nicht ganz herausgefunden, in welchem Bereich er am besten zieht, irgendwie fehlt der Zusatzschub, den ich vom Turbolader gewöhnt bin."

Der Mann ist anspruchsvoll, wenn es um Pferdestärken geht - sein erstes Auto war ein Golf GTI, und in seinem Audi A 6 hat er heute knapp 300 PS unter der Haube: "Ich liebe starke Motoren." Genüsslich legt er den Alfa in die Kurven, lauscht dem sportlichen Brummen des Motors, das bei geschlossenem Verdeck deutlich besser zu hören ist, und ist doch noch nicht ganz überzeugt: "Er ist alltagstauglich, bequem und übersichtlich. Die Frage ist nur, will ich ihn für den Alltag wirklich haben?"

Gedankenverloren schaltet er die Musikanlage ein, und der Sound des Blaupunkt-CD-Radios findet ohne Einschränkungen seine Gnade: "Klingt gut. Sehr transparent". So etwas ist wichtig für Carl Mühlner, dessen zweite Leidenschaft neben Technik die Musik ist. Er hat 20 Jahre in einer Rockband gespielt und für seine erste Schülercombo ein elektrisch verzerrtes Akkordeon gebastelt: "Damit konnte man ,Smoke on the water? und ähnliche Dinge nachempfinden."

Als er wieder auf dem Tiscali - Parkplatz in Dreieich einbiegt, halten wir bei einem Grüppchen Mitarbeiter: "Was sagt ihr denn zu dem Auto?" ruft er ihnen jovial zu. "Wenn das ein Angebot für einen neuen Dienstwagen sein soll", antwortet ein großer Schlanker im dunklen Anzug - "immer gern!" Der vorhin so mäkelige Mühlner ist auf einmal stolz wie Oskar: "Ein Blickfang, oder? Was sagen die Mädels dazu? Wir sind so schnell gefahren, dass der Regen einfach über uns weggegangen ist."

Mit breitem Grinsen parkt er den Alfa, der sein Herz zum Schluss doch noch erobert hat. "Er konvertiert einen nicht unbedingt zum Alfaristi", sagt der Audi-Fan und überlegt: "Ist aber wirklich ein schönes Auto."

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