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Ein Wort für den Präsidenten

Eigentlich soll man als Journalist in diesen Dingen neutral bleiben, aber nach Jacques Chiracs letztem Ausfall gegen les Britanniqes muss ich doch einmal für die Briten in die Bresche springen. Genauer gesagt die Schotten.

Eigentlich soll man als Journalist in diesen Dingen neutral bleiben,
aber nach Jacques Chiracs letztem Ausfall gegen les Britanniqes muss ich
doch einmal für die Briten in die Bresche springen. Genauer gesagt die
Schotten. Das bin ich dem journalistischen Kampf gegen Vorurteile, der
Wahrheit und dem Haggis schuldig.

Denn so klar wie in Oggersheim Pfälzer Saumagen aufgetischt wird,
handelte sich bei dem obskuren schottischen Gericht, das NATO
Generalsekretär Lord Robertson einst dem französischen Präsidenten
auftischte, nur damit es nun, viele Jahre später in Kaliningrad, zum
Gegenstand antibritischer Gehässigkeiten werden konnte, um einen Haggis.
"Une spécialité peu ragoûtante", um die Frotzelei des französischen
Feinschmeckerpräsidenten nach dem Originaltranskript der "Liberation" zu
zitieren.

Wie Saumagen wird auch Haggis nur zu besonderen Feiertagen gereicht - im
Gleneagles Hotel also alle Tage - und mit Vorliebe durchreisenden
Staatsgästen. Hoffen wir, dass der Einsternekoch des Gleneagles Hotels,
Andrew Fairlie, die Gelegenheit beim Schopf ergreift und Chirac einen
seiner exzellenten Haggis kredenzt. Aufgepasst Monsieur le Président!
Fairly hat bei dem französischen Meisterkoch Michel Guérand gelernt und
schwört auf die französische Küche. Er wenigstens muss sich nicht
ignoranten Chauvinismus vorwerfen lassen. Aber Fairly kocht mit einem
"schottischen Touch" und ich kann aus eigener Erfahrung bezeugen, dass
sein "Haggis, Neeps und Tatties" köstlich schmecken.

Wir sprechen hier, was vielleicht nicht jeder weiß, von einem
Schafsmagen, in den eine würzige Mischung aus Schafsherz-, Lunge-, Leber
und Zwiebeln gepackt wird, angerührt mit Hammelfett und echten
schottischen Haferflocken. Dazu werden Kartoffeln und Rüben gereicht.
Richtige Schotten trinken es mit Whisky und Starkbier. Vielleicht nicht
jedermanns Sache und wenn nicht eine gute Sauce gereicht wird, kann
Haggis etwas trocken geraten. Aber seit wann sind Franzosen, bei denen
tête de veau, cuisses de grenouille oder abbatis à l'anglaise (!) auf
der Speisekarte stehen, eigentlich so zimperlich?

Nein, Chirac beweist einmal mehr, dass er nicht auf dem aktuellen Stand
der Weltentwicklung ist. Ist die natürliche Neugier des Gourmets
greisenhaftem Vorurteil oder, noch schlimmer, ängstlichem
Nationalhochmut gewichen? "Man kann einem Volk nicht trauen, das so
schlecht kocht wie die Briten". Ha! Da redet der Präsident wie ein
französisches Schulmädchen, das beim Schüleraustausch in
Billigquartieren untergebracht wurde und nicht viel mehr als fish &
Chips zu kosten bekam.

Dabei lernen Chiracs Landsleute nun von dem englischen Jungkoch Jamie
Oliver das Kochen. 20 der 100 weltbesten Restaurants sind in England.
Das amerikanische Gourmet Magazine hat London gerade zum "besten Ort der
Welt fürs Essen" gekürt. Auf der Weltbestenliste des "Restaurant
Magazines" steht auf Platz 1 das "Fat Duck" in Bray und es ist auch noch
Platz für Gordon Ramsay bevor das erste französische Restaurant erwähnt
wird, Pierre Gagnaire in Paris.

Doch Schluss mit solch kindischen Vergleichen. Wir wünschen hier nur,
dass sich der französische Meistergourmet anhand des Studiums der
englischen Cuisine einmal von den Vorteilen der Globalisierung
überzeugt. Eine Horizonterweiterung kann nicht schaden. Das würde uns
Europäer nicht nur vor arroganten Vorurteilen schützen, sondern
vielleicht sogar, un jour, auch den Einheitsmenüs französischer
Provinzrestaurants etwas aufhelfen, mit denen ich demnächst, in der
Sommerfrische, wieder konfrontiert sein werde.


Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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