Einbruch der Technologiemärkte trifft die Staaten unvorbereitet
Südostasien fürchtet die Rezession

Singapur, Südostasiens stärkste Volkswirtschaft, ist in die Rezession gerutscht. In der Region wächst die Sorge vor einer zweiten Krise. Der vergangene Wirtschaftsaufschwung wurde nicht für zügige Reformen genutzt. Jetzt sind die einstigen Tiger-Staaten schlecht auf die schwache Weltkonjunktur eingestellt.

HB SINGAPUR. Der Stadtstaat Singapur, das einzige Industrieland Südostasiens, befindet sich mitten in der Rezession. Die dynamischste Volkswirtschaft in der Region dürfte das Jahr 2001 mit einem geschrumpften Bruttoinlandsprodukt (BIP) beenden. Auch in den anderen Ländern Südostasiens sieht es einige Zeit nach der Überwindung der Krise 1997/98 nicht viel besser aus. Malaysia und Thailand, die einstigen Jung-Tiger in vergangenen Boom-Dekaden, stehen am Rand einer Rezession, wahrscheinlich auch die Philippinen. Nur Indonesien scheint etwas besser dazustehen.

"Für Singapur erwarte ich übers Jahr 2001 einen Rückgang des BIP von 0,4 %", sagt Charlie Lay, Analyst bei SG Securities in Singapur. JP Morgan rechnet 2001 sogar mit einem Minus von 2,3 %. Nach Angaben des Singapurer Handels- und Industrieministeriums (MIT) ging das BIP im zweiten Quartal 2001 um 0,9 % gegenüber dem zweiten Quartal 2000 zurück. Dramatisch jedoch war der Einbruch mit 10,7 % gegenüber dem ersten Quartal 2001.

"Technisch" befindet sich Singapur bereits in der Rezession, definiert durch zwei aufeinander folgende Quartale mit einem schrumpfenden BIP. Der direkte Quartalsvergleich wird von Analysten bevorzugt gegenüber der traditionellen Berechnung der Wachstumsraten auf der Basis von Referenzquartalen des Vorjahres. Beim direkten Quartalsvergleich könnte auch die philippinische Wirtschaft vor einer Rezession stehen. Das Nationale Statistikbüro (NSCB) in Manila beziffert das BIP-Wachstum im ersten Quartal 2001 auf nur 0,5 %.

In Malaysia, dessen BIP im ersten Quartal 2001 noch um 3,2 % gegenüber 2000 wuchs, rechnen etliche Analysten jetzt mit einer leicht negativen Rate für das zweite Quartal gegenüber dem ersten. Ähnlich wird auch Thailand beurteilt, dessen BIP im ersten Quartal 2001 um 0,2 % schrumpfte.

"Wir haben uns zu sehr auf die Elektronik verlassen", räumte jetzt selbstkritisch Singapurs stellvertretender Premier und Verteidigungsminister Tony Tan ein. Nicht nur Singapur, auch Malaysia, die Philippinen und Thailand hatten die Krise 1997/98 genutzt, ihre schon starke Ausrichtung auf die Globalindustrien Elektronik und Informationstechnologien noch auszubauen. Der Einbruch der Technologiemärkte in den USA und Europa trifft Südostasiens Export drastisch.

Zur Gegensteuerung pumpen Malaysia, Thailand und Singapur Geld in den Kreislauf. Tatsächlich fehlt die reale Nachfrage der Märkte. Kredite in Südostasien werden zu Zinssätzen auf einem historischen Niedrigstniveau angeboten, so Drei-Monats-Geld zu real (inflationsbereinigt) 1 % in Thailand, 1,3 % in Singapur, 1,8 % in Malaysia und 2,5 % auf den Philippinen - ohne dass die Konjunktur durchstartet. Die Zentralbanken verlieren ihre monetären Optionen.

Nur Indonesien, die größte Volkswirtschaft Südostasiens, weckt derzeit mehr Hoffnung als Furcht. Das einzige Opec-Land Asiens profitiert vom Erdöl- und Erdgasexport und der Präsidentin Megawati Sukarnoputri. Ihr gelang mit einem international anerkannten Wirtschaftsteam im Kabinett ein guter Start. Vorsichtig äußert sich Sanjeev Sanyal von Deutsche Bank Research in Singapur: "Ich glaube, der Internationale Währungsfonds (IWF) wird bald seine Kreditauszahlungen an Jakarta wiederaufnehmen und der Pariser Club mit einer Umschuldung folgen". Noch liegt die BIP-Prognose für Indonesien im Jahr 2001 bei plus 3,25 %. Allerdings müsse Jakarta endlich und energisch die Restrukturierung der Banken und des Unternehmenssektors in Angriff nehmen, fordert Sanyal.

Auch in Malaysia, auf den Philippinen und in Thailand stocken die Reformen auf halber Strecke. Dieser Reformstau deutet auf eine nicht nur konjunkturbedingte, sondern strukturelle Wachstumsschwäche.

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